Sprache

Es weht ein Wind durch Europa

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Auch die Grenzen des Sagbaren lassen sich nicht sichern. Manchmal ist das gut, aber nicht immer. Eine Kolumne.

Es gibt Grenzen, die sich noch schlechter sichern lassen, die Grenzen des Sagbaren. Manche fallen, dafür sind auf einmal andere da. In der Kleingartenanlage bei mir um die Ecke wurde neulich gefeiert. Der Laubenpiepersound wehte herüber, die größten Hits der 80er, 80er und 80er Jahre. Einer stammt von Rüdiger „Purple“ Schulz: „Verliebte Jungs/ tanzen auf den Straßen/ reiben ihre Nasen an den Frauen/ die sich das gefallen lassen/ Verliebte Jungs/ können es nicht lassen/ diese Frauen manchmal anzufassen.“ 

Oho, dachte ich, dazu schwofen die noch? So etwas würde doch heute niemand mehr dichten. Man geriete sofort in den Ruch, das Antanzen und Anfassen von Frauen zu verherrlichen, vom Gefallenlassen mal ganz zu schweigen. Damals lag dieser unschuldige, angemessen gedankenfreie Popsong 15 Wochen in den Charts. Jetzt liegt er an der #metoo - Grenze des Mitsingbaren.

Sprache ändert sich, wenn Realitäten sich ändern oder anders wahrgenommen werden. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Auch Sprache gehört zur Wirklichkeit. Sie ist aber eben nur ein Teil davon und insgesamt eher Ausdruck als Ursache dessen, was passiert. Amtliche Grenzen des Sagbaren stehen im Strafgesetzbuch. Alle anderen sind täglich neu auszuhandeln. Was ich für unsagbar halte, sind polnische Namen mit sechs aufeinander folgenden Konsonanten.

Alexander Gauland hat angekündigt, seine Partei wolle die Grenzen des Sagbaren ausweiten. Tatsächlich dehnt sich der öffentliche Diskurs, und zwar in Richtung Körpertabus. Vielleicht spinne ich, aber in letzter Zeit häufen sich Debattenbeiträge über Ohrenschmalz, Intimgeruch und KIabusterbeeren. Ganz vorn im Trend sind Flatulenzen. Blähungen. Fürze. 

Zeit meines Leben war dieser existenzielle Gegenstand in den Medien, gastroenterologische Fachjournale ausgenommen, nicht existent. Unsagbar. Nun überrollt mich plötzlich eine Welle entsprechender Debattenbeiträge. Keine Ahnung, ob Gauland sich das ans Revers heftet, aber der Deutschlandfunk appelliert gerade via Facebook: „Liebe Frauen: Pupst! Denn das befreit nicht nur den Körper von Gasen, sondern auch die Frau vom Klischee der nach Rosen duftenden Prinzessin.“

Als Mann halte ich mich da raus, mache jedoch darauf aufmerksam, dass für mich alle Frauen, die mir je begehrenswert erschienen, erst einmal überhaupt keinen Verdauungstrakt hatten. Es wirkte etwas verstörend, würde Penélope Cruz, um ein markantes Emanzipationszeichen zu setzen, gleich bei unserem ersten Rendezvous ostentativ die Rosette schürzen. 

Ein anderer Artikel informierte mich darüber, dass Beziehungen länger halten, wenn beide Partner voreinander einen oder besser viele fahren lassen. Das stärke Vertrauen und Empathie. Ein weiterer Text behauptet, dass „das Inhalieren der Pupse des Partners“ vor Krebs und Demenz schütze. Beeindruckt hat mich eine ebenfalls taufrische Meldung, wonach infolge unterdrückter Blähungen „etwas Gas wieder in den Kreislauf zurückströmt und beim Ausatmen über den Atem abgegeben wird“. 

Hoffentlich handelt es sich nur um eine pupertäre Phase und diese gefallene Sagbarkeitsgrenze bezeugt nicht wirklich die Abschaffung entbehrlich gewähnter Konventionen. Die Zukunft wird spannend, oder wie es Markus Söder soeben ahnungsschwanger vor dem CSU-Vorstand ausdrückte: „Es weht ein Wind durch Europa.“ 

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