Kolumne

Weggewischt

  • schließen

Die Partnersuche ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Und warum soll man nicht auch ohne Ehe keinen Sex haben können?

Der Februar ist der optimale Monat, um über das Liebesleben in Berlin zu schreiben. Er ist kurz, unangenehm und man ist froh, wenn er vorbei ist. So in etwa läuft nämlich auch das Dating ab, das heutzutage die klassische Beziehungsanbahnung abgelöst hat.

Dank Wegwisch-Apps wie Tinder und Bumble oder etwas ausführlicheren Singlebörsen im Internet können wir uns jeden Tag mit einer anderen Person verabreden, der wir das Potenzial für die ganz große Liebe zutrauen. Also theoretisch jedenfalls.

Praktisch beobachte ich in meinem absolut nicht repräsentativen Freundinnenkreis jedoch etwas anderes: Niemand will mehr daten. Mein nicht repräsentativer Freundinnenkreis besteht zu einem großen Teil aus heterosexuellen Singlefrauen um die 40, die in Filmen wegen ihrer Beziehungslosigkeit spätestens jetzt in komplette Panik verfielen. Bekanntestes Beispiel dafür ist immer noch die Serie Sex and the City, in der beruflich erfolgreiche Großstadtfrauen sechs Staffeln lang mitunter verzweifelt nur versuchen, endlich einen Mann zu finden.

Tatsächlich kenne ich im wahren Leben keinen weiblichen Single, der unter seinem Beziehungsstatus richtig leidet. Allerdings gibt es in der Serie auch eine Kolumnistin, die in jeder Folge einen Text schreibt und sich davon ein Apartment in Manhattan sowie einen Haufen Designerklamotten leisten kann. Auch das ist sehr, sehr realitätsfern, möchte ich in Jogginghose aus meiner Wohnung in Berlin-Gesundbrunnen anmerken. Leider.

Während oft über neue Beziehungsformen wie offene Ehe oder Polyamorie diskutiert wird, werden Alleinstehende häufig nur in Bezug auf ihr vermeintliches Manko thematisiert. Eine Partnersuche fordert aber in Berlin einen Preis, den viele nicht mehr zahlen wollen.

Sich in Bars mit Unbekannten zu treffen, die entweder gar nichts sagen, nur über sich reden oder im schlimmsten Falle stundenlang von ihrer Ex-Freundin erzählen, ist verständlicherweise nicht jedermanns Sache. Selbst bei netteren Begegnungen liegt das Risiko, nach zwei Monaten Treffen diese WhatsApp-Nachricht von ihm zu bekommen, dass sein Leben gerade leider sehr kompliziert ist und er deshalb ein wenig Abstand braucht, bei 96,5 Prozent.

Warum sich also unglücklich tindern, wenn man stattdessen mit Freundinnen in Bars, Restaurants und ins Theater gehen oder gemütlich auf der Couch liegend Serien über unglückliche Singlefrauen gucken kann?

Berlin hat zwar den Nachteil, eine Stadt voll unverbindlicher Beziehungsphobiker zu sein, andererseits bietet das aber den Vorteil, dass diese auch alle Single sind und niemanden ohne Partner dafür verurteilen. Das nimmt viel Druck und so muss sich keiner mit einem schlechten Kompromisspartner zufriedengeben, nur um den sozialen Anforderungen gerecht zu werden.

Immerhin weiß jeder, der sich schon mal nach drei Gin Tonics mit einer verpartnerten Frau und Mutter unterhalten hat, dass das auch kein Glücksgarant ist. Schließlich kann man auch ohne Ehe keinen Sex haben.

Und so ist die Hauptstadt der Singles vielleicht gar nicht so unglücklich, wie man auf den ersten Blick denken mag. Wenn man ohne Suche trotzdem jemanden findet, umso besser. Denn einen Vorteil haben Beziehungen in Berlin: Man kann die horrende Miete teilen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare