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Eigentlich gemein der Sau gegenüber.

Kommentar zu WDR-Satiresong

Lächerliche Kritik: Sie ist halt eine Umweltsau

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Die Kritik an dem satirischen „Umweltsau“-Lied ist lächerlich, übertrieben und vor allem strategisch, um gegen Umweltschutz und öffentlich-rechtliche Medien Stimmung zu machen. Ein Kommentar.

Der Sturm der Entrüstung war groß, nachdem der Westdeutsche Rundfunk einen Satiresong auf der Facebookseite von WDR 2 gepostet hatte. Hier wird eine fiktive Oma, die repräsentativ für uns alle und unsere Umweltsünden steht, als „Umweltsau“ bezeichnet, niedlich eingesungen vom WDR-Kinderchor zur Melodie von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“.

„Unverschämtheit“, „beleidigend“, „kein Respekt vor den Älteren“, heißt es auf Social Media. Dabei ist besagte Oma lediglich ein Platzhalter für die Gesamtgesellschaft und das politische System. Daher kann man sich den Kritikpunkt „Fehlender Respekt vor Älteren“ einfach mal getrost sparen. Und gerade im Zusammenhang mit dem Thema Umwelt ist ein Einfordern von Respekt für ältere Generationen einfach völlig absurd.

An alle Kinder dieser Welt: Ihr müsst keinen Respekt vor älteren Menschen haben, nur weil sie älter sind als ihr. Respekt verdienen Menschen, die euch gut behandeln, die um euer Wohlergehen besorgt sind und dafür sorgen, dass es euch gut geht. Die älteren Generationen, die Politik, alle, die euch und nachfolgenden Generationen durch ihren Umgang mit der Umwelt die Zukunft versauen, den Planeten mutwillig zerstören, vor denen braucht ihr keinen Respekt zu haben. 

Es ist gut und richtig, das Verhalten beim Namen zu nennen. Und in Form der sehr gelungen Satire des WDR kann gerne gesungen werden: „Meine Oma brät sich jeden Tag ein Kotelett, ein Kotelett, ein Kotelett. Weil Discounterfleisch so gut wie gar nichts kostet, meine Oma ist ne alte Umweltsau.“ Wenn die Oma (oder der Opa, oder die Nachbarin, einfach jede*r) das macht, dann ist sie halt eine alte Umweltsau. 

Strategischer Shitstorm von rechtsaußen gegen WDR-„Umweltsau“

Die Kritik an dem satirischen „Umweltsau“-Lied ist lächerlich, übertrieben und vor allem strategisch, um gegen Umweltschutz und öffentlich-rechtliche Medien Stimmung zu machen. Die mehrheitlichen Reaktionen kommen aus der Ecke, die auch behauptet, Greta Thunberg wolle ihnen Vorschriften machen, und die Inhalt und Form von Satire nicht verstehen können oder wollen. Also kurz: Es ist nicht mehr und nicht weniger als ein Shitstorm von rechtsaußen, dem man auf gar keinen Fall nachgeben sollte.

Besonders entlarvend an der ganzen Diskussion ist übrigens, dass viele von denen, die sich jetzt echauffieren, auch diejenigen sind, die auf den Gebrauch von tatsächlich beleidigenden Wörtern wie „Negerkuss“ bestehen. Bei Beleidigung wird in Deutschland nämlich mit zweierlei Maß gemessen.

Wenn sich PoC, Migrant*innen, LBGTQ+ berechtigterweise von bestimmten Ausdrücken beleidigt fühlen, werden sie ausgelacht, ignoriert, ihnen wird gesagt „stellt euch doch nicht so an“, „empfindlich“ seien sie, und dann wird dröhnend lachend im Restaurant „Zigeunerschnitzel“ bestellt.

Aber die satirische Zuspitzung„Umweltsau“, die tatsächlich angebracht ist, die in einem systemkritischen Song pointiert das Thema Klimapolitik behandelt, lässt Köpfe explodieren, es wird mit Anzeigen gedroht, und der WDR gibt auch noch nach. 

So ist Deutschland. Tatsächliche Beleidigungen an PoC dürfen weiterhin gesagt werden (siehe „Neger“-Urteil). Satirische Systemkritik, von der sich Weiße angesprochen fühlen, wird sofort zurückgezogen.

WDR hat völlig versagt und den Rechten in die Karten gespielt

Dass der WDR eingeknickt ist und das Video gelöscht hat, zeigt das totale Versagen des Senders beim Thema Öffentlichkeitsarbeit, da man dort wohl nicht einschätzen konnte, wie ein entrüsteter rechter Mob, der in den sozialen Medien tobt, einzuordnen ist. Und dass man durch das Löschen des Videoclips die Rechten nur bestätigt, hätte beim WDR klar sein müssen.

Noch ist aber nichts verloren. Postet das Video wieder, lieber WDR. Nur so könnt ihr euer Image noch retten, um nicht als Bücklinge vor einem rechten Social-Media-Mob dazustehen.

Am Ende des Videos sagt der Kinderchor mit der eingespielten Stimme von Greta Thunberg: „We will not let you get away with this“ - Wir lassen Euch damit nicht davon kommen. Denn genau darum geht es bei satirischer Systemkritik. Und da die, die sich angesprochen fühlen, hysterisch „Beleidigung“ schreien, war es genau die richtige Form.

FR-Chefredakteur Thomas Kaspar antwortete seinem Vater, der sich über Fridays for Future aufregt. Klimastreik: Spinnen die Jugendlichen?

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