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Kolumne

Warum macht Mathe Angst?

In diesem Fach geht es um richtig oder falsch, in radikaler Schärfe. Da hilft kein vielleicht, nützen keine 90 Prozent.

Von Albrecht Beutelspacher

Mit keinem anderen Schulfach wird der Begriff „Angst“ so häufig in Verbindung gebracht wie mit Mathematik. Viele Menschen muss man nur antippen, und sie berichten einem über demütigende traumatische Erfahrungen: Sie stehen vorne vor der Tafel, wissen nichts mehr und fühlen sich total blamiert. Im Jahre 1974 widmete der Spiegel sogar eine Titelgeschichte der Frage „Macht Mengenlehre krank?“ Schlimm ist, dass dies für viele Menschen die dominierenden Erinnerungen an den Mathematikunterricht sind.

Woran liegt das? Es gibt, so weit ich sehe, zwei Gründe. Der erste liegt in der Mathematik selbst begründet, der zweite hat mit dem Lehren von Mathematik zu tun.

In Mathematik geht es um richtig oder falsch. Das ist gut so; denn in keiner anderen Wissenschaft sind die akzeptierten Aussagen so stichhaltig begründet wie in der Mathematik. Was einmal bewiesen ist, ist für alle Zeiten bewiesen. Und was nicht oder noch nicht bewiesen ist, akzeptieren die Mathematiker nicht als „Satz“. Denken Sie an den „Satz des Pythagoras“. Dieser wurde vor 2500 Jahren bewiesen und gilt heute noch wörtlich so wie damals – und wird in 2500 Jahren auch noch genau so gelten. Welche andere Wissenschaft kann das von sich sagen?

Dieser an sich sehr positive Aspekt hat eine negative Seite. Die Grenze zwischen richtig und falsch ist in der Mathematik extrem scharf. Damit eine Aussage Gültigkeit hat, muss sie 100-prozentig begründet sein. Es reicht nicht zu sagen: „Die meisten Argumente habe ich zusammen, also wird’s schon stimmen.“ Oder: „Ich habe noch kein Argument gefunden, das dagegen spricht.“ In diesem Sinne ist die Mathematik nicht nur klar, sondern geradezu unbarmherzig. Das liegt in dieser Wissenschaft selbst begründet.

Angst blockiert das Lernen

Es gibt aber, insbesondere in der Schule, noch ein Missverständnis. Weil es in der Mathematik mit radikaler Schärfe um richtig oder falsch geht, gerät der Lehrer oder die Lehrerin in Gefahr, zum Herrn über richtig und falsch zu werden. Das muss er nicht einmal subjektiv wollen, er kann auch in diese Rolle gedrängt werden. Jedenfalls passiert das häufig; denn wie oft hören wir von unseren Kindern: „Die Aufgabe ist richtig oder falsch, weil die Lehrerin es so gesagt hat.“

Herr über richtig und falsch zu sein, bedeutet, Macht zu haben und auszuüben. Und Machtausübung in Lernprozessen führt fast zwangsläufig zu einem Klima der Angst. Und Angst ist ein Mechanismus, der Lernen garantiert blockiert.

Es ist klar, dass die richtig verstandene Mathematik etwas ganz anderes ist. Eine Aufgabe ist nicht deswegen richtig, weil die Lehrerin dies sagt, sondern weil ich das selbst herausbekommen habe. In Mathematik kann jeder – wie in keinem anderen Fach – von vornherein mitsprechen. In Deutsch hat eine gute Lehrerin oder ein guter Lehrer einen riesigen Vorsprung, weil er oder sie hundert Bücher mehr gelesen hat. Aber in Mathematik kann eine Schülerin oder ein Schüler von Anfang an mithalten: Ob 3 mal 5 gleich 13 oder 14 oder vielleicht doch 15 ist, das können sie sich allein oder mit ihren Mitschülern erarbeiten.

In diesem Sinne ist Mathematik eine ausgesprochen emanzipatorische Wissenschaft. Mathematik bricht nicht das Rückgrat, sondern stärkt die Menschen.

Albrecht Beutelspacher ist Mathematik-Professor in Gießen.

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