Kolumne

Warten – von morgens bis abends

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All das, womit man seinen Tag füllt, kommt einem während eines Besuchs im Krankenhaus plötzlich übertrieben vor.

Und während sich dieser ganze Nachrichtenwahnsinn Stunde für Stunde ja tatsächlich irgendwo ereignet; während viele von uns in Büros sitzen und über Kalkulationen brüten, andere Segelkurse oder Reiterferien machen; während Festivals vorbereitet und Anträge ausgefüllt werden und manche sich den Kopf zerbrechen, weil sie vielleicht ein Versprechen gegeben haben, das sie nicht halten können – während all dies geschieht, bleibt mancherorts die Zeit geradezu stehen. Oder kriecht unendlich langsam zwischen Frühstück, Mittag- und Abendessen hin und her.

In der Gerontopsychiatrie des Landeskrankenhauses hängen weiche Bilder an der Wand. Aus Fell, Filz und Wollfäden für die Patienten. Und Sprüche über das Alter für die Besucher, etwa: „Altwerden ist kein reines Vergnügen. Aber denken wir an die einzige Alternative. (Robert Lembke)“

Eine Dame ohne Schuhe schiebt ein Laufgestell zentimeterweise den Gang entlang. Sie bleibt stehen und schaut lange vor sich hin, bevor sie den Gruß erwidert und sich dann mit winzigen tippelnden Schrittchen entfernt. Auch die Besucher biegen unsicher um die Ecken und öffnen vorsichtig die Türen, hinter denen sie ihre Angehörigen vermuten.

Auf der Raucherterrasse sitzt ein Mann mit freundlichem Lächeln, der von den anderen mitversorgt wird. Alle zwei Zigaretten steht er auf, weil er jetzt seine Sachen packen muss, kehrt aber bald unverrichteter Dinge wieder zurück. „Dass mir das einfach nicht mehr einfällt“, seufzt er und bittet um eine weitere Zigarette. „Ich setze mich erst mal, vielleicht kommt es gleich wieder.“

Ein anderer Herr hält seinen Oberkörper beim Gehen fast im rechten Winkel nach vorne abgeklappt. Kein schwerer Fall von Osteoporose, sondern eher ein Zeichen seines Entschlusses, sich endlich wegzuducken unter allem, was ihm zur Last gefallen ist in den letzten vierzig Jahren. Ein Lehrer, der bis vor kurzem noch tätig war, jetzt ist ihm „emotional alles zuviel“ geworden, wie er Vorbeigehende bittet, die Schulleitung wissen zu lassen. „All die Probleme jeden Tag – ich kann nicht mehr.“

Um vier Uhr nachmittags ist Schichtwechsel, mehrere Pflegekräfte gehen durch den Garten Richtung Parkplatz. Vom Essensraum aus schaut ihnen eine Frau lange nach. Sie schaut allen hinterher, auch ich selbst sehe sie später von oben auf mich herabblicken: ein hellgrauer Blick aus einem stillen Gesicht, der durch einen hindurch in diese oder eine andere Welt geht. Keine Botschaft liegt darin, keine Forderung. Es ist ein reines Warten, das vom Morgen bis zum Abend dauert und vermutlich auch vom Abend bis zum Morgen.

All das, womit man selbst normalerweise die Zeit füllt, kommt einem plötzlich übertrieben vor angesichts dieses würdevollen Hütens der Zeit. Was, wenn sie nicht hier, sondern von einem gesellschaftlich anerkannten Ort aus in die Ferne blicken würde, von einer Kamera beobachtet, die das Bild ins Netz übertragen würde? Eine Ikone der Zeitlichkeit wäre geboren, Halt, Inspiration und Richtungsgeberin für viele. Hier ist sie einfach „die am Fenster“, an der die Familie vielleicht verzweifelt. Dabei könnte man nicht nur von ihr hier etwas lernen – wenn es nur möglich wäre, sich von der Erwartung, dass Leben funktional sein muss, einmal zu lösen.

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