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Brexit-Gewinner Nigel Farage: Sieg der Alten.
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Brexit-Gewinner Nigel Farage: Sieg der Alten.

Brexit-Debatte

Es waren nicht „die Briten“, es waren die Alten

Vor allem ältere Wähler haben den Brexit-Entscheid durchgesetzt. Jetzt sollten wir, die Millennials, lautstark für das Europa eintreten, das wir täglich leben. Der Leitartikel.

Von Christina Michaelis

Goodbye Europe. Ja, sie gehen. Aber es waren nicht die Briten, die für einen Austritt aus der Europäischen Union gestimmt haben. Auf der Suche nach einer Erklärung muss man es in aller Deutlichkeit so sagen: Das britische Volk gab und gibt es hier nicht. Denn das Vereinigte Königreich ist in dieser Frage gespalten. Nur 51,9 Prozent der Briten und damit gerade so eine Mehrheit hat sich für den Brexit entschieden. Vor allem aber waren es: die älteren Wähler. Sie haben mit ihrem Votum einer gemeinsamen europäischen Zukunft die Absage erteilt. Aus Sehnsucht nach einer romantisierten Vergangenheit, die so nicht mehr wiederkommt.

Der Riss im Königreich geht tief. Er trennt EU-Gegner und -Befürworter, Nord und Süd – und vor allem: Alt und Jung. 66 Prozent der 18- bis 24-Jährigen stimmten laut einer Nachwahlbefragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov für einen Verbleib in der EU. In der Altersklasse 65 plus waren es lediglich 38 Prozent. Hätten allein die Jungen gewählt – wir würden heute #nobrexit feiern.

Mehr statt weniger Europa in Krisenzeiten. Das wäre nicht sofort die Lösung, aber der richtige Weg gewesen. Die Rückkehr zum isolierten Nationalstaat jedenfalls ist der falsche. Die britische Sängerin Lily Allen brachte es nach dem Referendum auf den Punkt: „Well millennials. We’re really really fucked“, twitterte sie – „Millenials, wir sind wirklich am Arsch“. Damit hat die 31-Jährige in Worte gefasst, was viele junge Briten, die etwa zwischen 1980 und 1999 geboren wurden, jetzt empfinden: Die Alten haben sich durchgesetzt, aber wir sind es, die viel länger mit den Konsequenzen leben müssen. Unter Frust und Enttäuschung mischt sich ein Gefühl der Ohnmacht.

Auch in Deutschland haben junge Menschen geschockt reagiert. Passiert das wirklich? Unvorstellbar, dass Großbritannien der Europäischen Union den Rücken kehrt. Einem Gemeinschaftsprojekt, das weit über ein wirtschaftliches Zweckbündnis hinausgeht. Durch die Trennung steht nun auch der freie Studentenaustausch zwischen der Insel und Kontinentaleuropa auf dem Spiel. Ungewiss ist, was aus Erasmus oder aus dem Leonardo-da-Vinci-Programm für Praktikanten wird.

Wir kennen Europa nur als Einheit

Fällt die Bildungsförderung einer schmutzigen Scheidung zum Opfer, könnten Austausche teurer und aufwendiger werden. Nicht nur junge Menschen auf beiden Seiten würden einen hohen Preis bezahlen – auch die EU als Völkerbund. Keiner lebt die europäische Idee so wie die Generation Erasmus, die Generation Grenzenlos.

Wir kennen Europa nur als einen Raum. Wir sind mit und in ihm aufgewachsen. Ein Au-Pair-Jahr in England und ein Auslandssemester in Portugal. Am Wochenende spontan nach Amsterdam, im Sommer mit dem Auto durch Frankreich und dann rüber nach Spanien. Ohne ewiges Schlange stehen an der Grenze, ohne lästiges Geldumtauschen dahinter. Lissabon, Maastricht, Siena, Paris, London, Prag, Athen. Das ist unser Europa: die Freiheit, dorthin zu reisen, dort zu studieren, dort zu arbeiten, wo wir es wollen. Und: Auch wenn wir es uns nicht jeden Tag bewusst machen – die Gewissheit, in Frieden zu leben. Wir wollen nicht weniger Europa.

Wer zum ersten Mal vor der EU-Kommission in Brüssel steht, empfindet etwas Besonderes. 28 europäische Fahnen wehen dort im Wind, für jedes Mitgliedsland eine. Ich bin ein Teil von Europa – es ist ein schönes, ein beruhigendes Gefühl, das bei diesem Anblick aufkommt.

Seit vergangenem Freitag ist es der Sorge gewichen: Was kommt als Nächstes? Folgen auch die Niederlande und Dänemark oder gar Frankreich dem britischen Beispiel? Verlieren wir auf lange Sicht Erasmus, verlieren wir unser grenzenloses Europa? Werden wir, die Millennials, in 50 Jahren auf den 23. Juni 2016 zurückblicken und unseren Enkeln erzählen: Dieser Tag war der Anfang vom Ende der EU?

Sieg der Provinz

Der Brexit ist vor allem eines: ein Sieg der Provinz über die aufgeschlossene, multikulturelle Großstadtgesellschaft, ein Triumph der alten, tief in ihrer nationalen Tradition verwurzelten über die junge, weltoffene Generation. Ja, in der EU läuft nicht alles richtig. Flüchtlings- und Finanzkrise, die hohe Jugendarbeitslosigkeit, die ständige Terrorgefahr – statt einer Krise haben wir heute eine Vielfalt an Problemen. Und Europa? Kommt nicht voran, lähmt sich viel zu oft selbst.

Aber als Antwort darauf in Selbstsucht zu verfallen und alte Grenzen wieder aufzubauen, kann nicht die Lösung sein. Wir wüssten unsere Privilegien nicht zu schätzen, wurde unserer Generation oft nachgesagt. Was wir schaffen müssen, können wir nur zusammen erreichen – das wissen wir längst. Spätestens seit vergangenem Freitag muss uns aber auch klar sein: Selbstverständlich ist nichts.

Es ist an der Zeit, dass wir, die Millennials, lautstark für das Europa eintreten, das wir täglich leben. Damit am Ende wir es sind, die über unsere Zukunft entscheiden.

Christina Michaelis ist Volontärin. Die 26-Jährige arbeitet derzeit im Brüsseler Büro.

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