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Wo Walser Recht hatte

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Von: Arno Widmann

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Schriftsteller Martin Walser: „Öffentlich von der eigenen Mangelhaftigkeit sprechen? Unversehens wird auch das Phrase.“
Schriftsteller Martin Walser: „Öffentlich von der eigenen Mangelhaftigkeit sprechen? Unversehens wird auch das Phrase.“ © dpa

Das Holocaust-Mahnmal in Berlin wird zehn Jahre alt. Einst erregte Martin Walser mit seiner Rede von Auschwitz als Moralkeule Widerspruch. Dabei hatte er in fast allem Recht.

Das Berliner Denkmal für die ermordeten Juden Europas wird zehn Jahre alt. Morgen wird aus diesem Anlass sein Erbauer, der Architekt Peter Eisenman, in Berlin einen Vortrag halten: „Der Widerstand gegen das Gedächtnis – Der Verlust an symbolischer Autorität“. Am 7. Mai wird es am Holocaust-Mahnmal einen Festakt geben. Alles ein wenig vorverlegt, denn wenn wir uns recht erinnern, wurde das Mahnmal am 10. Mai 2005 der Öffentlichkeit übergeben, die aber erst vom 12. Mai 2005 an Zugang erhielt.

Vergangenen Samstag erklärte Martin Walser in einem Interview dem „Spiegel“, dass er zwar keinen seiner Sätze aus der Paulskirchenrede korrigiere, dennoch aber die Rede nicht noch einmal halten würde. Ich war und ich bin ihm noch immer dankbar für seine Rede. Er sprach sich damals, am 11. Oktober 1998, dagegen aus, Auschwitz für aktuelle politische Zwecke zu funktionalisieren, Auschwitz, so erklärte er, eigne sich nicht zur Moralkeule.

Das ist richtig, und ich erinnerte mich daran, wie oft ich sie eingesetzt hatte gegen meine Eltern, gegen Lehrer, gegen alle Autoritäten. Auschwitz war zu einem Werkzeug in meiner Argumentationskiste geworden. Nicht nur in meiner. Fast Jahrzehnte lang trugen in Opern und Theatern die Bösen Gestapomäntel. Auch im Freischütz oder in den Räubern. Auschwitz produzierte Bedeutung. Eine Bedeutung, gegen die kaum zu argumentieren war. Dafür öffnete mir Walser mit seiner Paulskirchenrede – und die Debatte über sie – die Augen.

"Dem Gewissen ist Symbolik fremd"

Er erklärte damals auch: „In der Diskussion um das (geplante) Holocaustdenkmal in Berlin kann die Nachwelt einmal nachlesen, was Leute anrichten, die sich für das Gewissen von anderen verantwortlich fühlen. Die Betonierung des Zentrums der Hauptstadt mit einem fußballfeldgroßen Alptraum… Öffentlich von der eigenen Mangelhaftigkeit sprechen? Unversehens wird auch das Phrase… Mit seinem Gewissen ist jeder allein. Öffentliche Gewissensakte sind deshalb in der Gefahr, symbolisch zu werden. Und nichts ist dem Gewissen fremder als Symbolik, wie gut sie auch gemeint sei.“

Vorweg: Das Holocaust-Mahnmal ist kein fußballfeldgroßer Alptraum. Es ist ein eher kleiner Ort – gegenüber stehen die deutlich größere US-Botschaft und ihr Zaun –, an dem Jung und Alt sich hinsetzen und die Gesichter in die Frühlingssonne halten. Wer hineingeht in das Stelenlabyrinth, der hört „Helga, wo bist du?“ oder „Jennifeeer“ und macht sich Gedanken über die Datierbarkeit der Namenmoden. Nein, natürlich macht sich jeder so seine Gedanken an dieser Stelle auf dem Weg zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz. Walser irrte – mit vielen anderen, darunter auch der Schreiber dieser Zeilen: Das Holocaust-Mahnmal ist kein Alptraum, allenfalls in der Art, wie jede Touristenattraktion von Lourdes bis zum London Eye einer ist.

"Place of no meaning"?

Aber das ist auch schon sein einziger Irrtum. „Öffentlich von der eigenen Mangelhaftigkeit sprechen? Unversehens wird auch das Phrase.“ Das stimmt. Das weiß mancher, der die einschlägigen Reden halten muss. Es gibt aber keinen Zuhörer, der nicht an der einen oder anderen Stelle nahezu jeder dieser öffentlichen Reden, je nach Temperament und Zu- oder Abneigung gegenüber dem Redner, schamhaft die Muster des Parkettbodens betrachtet, aufstöhnt oder auflacht. Je mehr sich die Anlässe häufen, je mehr man also die Erinnerung wachhält, desto unwahrscheinlicher ist ein phrasenfreies Reden darüber.

Auch mit dem nahezu unaufhaltsamen Drang zur Symbolik hatte Walser völlig recht. Diese Stelen haben mit dem Holocaust so viel zu tun, wie ein Knoten in meinem Taschentuch mit dem, woran er mich erinnern soll. Eisenman selbst soll angesichts der zahlreichen Versuche, dem Denkmal Bedeutungen zu geben, erklärt haben, es sei „a place of no meaning“.

Das hat der Attraktivität des Ortes nicht nicht geschadet. Nahezu jeder Hauptstadtbesucher wirft auch einen Blick auf das Mahnmal. Selbst das Dokumentationszentrum, das es ohne den Einsatz des damaligen Kulturstaatsministers Michael Naumann nicht gegeben hätte, zählt heute an die 500 000 Besucher im Jahr. 2007 erhielt es den wichtigsten Architekturpreis der USA. Eine Erfolgsgeschichte?

Auch die Bildsprache kennt die Phrase, von der Bürgermeister van Bett in Zar und Zimmermann sagt: „Die zu anderm Zwecke zwar verfasst, sich jedoch hierher grad’ passt“. Wenn man das akzeptiert als eine Methode, an Auschwitz zu erinnern, dann ist das Holocaust-Mahnmal gelungen.

Wenn man glaubt, wie Martin Walser es 1998 tat, diese Erinnerung müsse die Gewissen erreichen, dann stehen diese Stelen dem Weg dorthin eher im Wege. 2014 stellte sich heraus, dass 2000 der Stelen reparaturbedürftig sind. Kosten: ein zweistelliger Millionenbetrag. Anlässlich des Baus des Mahnmals – 27,6 Millionen Euro – stellte Henryk M. Broder die Frage, ob es nicht besser wäre, das Geld Holocaust-Überlebenden, die „heute in Polen, Tschechien und woanders am Existenzminimum leben“ zu überweisen. Vielleicht könnte man diesen Vorschlag jetzt aufnehmen.

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