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Verheerende Waldbrände im Amazonasgebiet. 

Gastbeitrag

Von Waldbränden und Brandbeschleunigern

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Egal, wie sehr wir das Klima schützen, wie grün unsere Technologien werden: Wir müssen Produktion und Konsum ändern.

Der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro ist ein Rassist, der die einstige Militärdiktatur verherrlicht, gegen Frauen, Indigene und sexuelle Minderheiten hetzt und die endemische Gewalt im Land auf einen neuen Höchstwert getrieben hat. Derzeit macht er vor allem mit der Zerstörung des Amazonasregenwaldes von sich reden.

Ohne die Wälder des Amazonas droht das Weltklima zu kippen. Bolsonaro ist also nicht nur für Brasilien, sondern für den gesamten Globus im wahrsten Sinne brandgefährlich. Leider werden die internationalen Reaktionen – auch Deutschland und Europa – der Lage nicht gerecht. Die Waldbrände sind Teil der systematischen Strategie Bolsonaros, die Umweltpolitik auszuhöhlen.

Gemeinsame Verantwortung für etwas zu übernehmen, das nicht nur unmittelbar den eigenen Interessen dient, ist dem Klimaleugner Bolsonaro fremd. Hier auf Besserung durch Dialog oder Verträge zu hoffen, ist naiv. Als die ersten europäischen Staaten die Ratifizierung des kurz zuvor vereinbarten Mercosur-Freihandelsabkommens in Frage stellten und der Druck auch in Brasilien wuchs, erließ Bolsonaro zwar Maßnahmen zur Brandbekämpfung. Er denkt aber nicht um.

Vielmehr wirft er seinen Kritikern Alibihäppchen hin, um die Gemüter zu beruhigen, macht aber dann weiter wie bisher. Ein paar Löschflugzeuge und ein 60-Tage-Moratorium auf Brandrodung sind nun wahrlich kein Richtungswechsel. Zeitgleich wurde im Justizausschuss ein Entwurf angenommen, der indigene Territorien per Verfassungsänderung für Agrarindustrie und Bergbau öffnen soll.

Leider funktioniert Bolsonaros Fassadenpolitik. Der Verbleib im Pariser Klimaabkommen reichte der Bundesregierung bislang als Begründung, sich optimistisch zu geben. Natürlich kann auf diplomatischer Ebene selbst ein symbolisches Bekenntnis einen gewissen Wert haben.

Ein Blick auf Bolsonaros Umweltpolitik zeigt jedoch, dass hinter seiner Rhetorik reines politisches Kalkül und nicht ein Funke Klimabewusstsein steckt. Wozu auch aus einem Abkommen austreten, das man ignorieren kann?

Und nicht nur für Bolsonaro ist es bequem, diese Fassade aufrechtzuerhalten. Auch die Bundesregierung nimmt dieses Scheinbekenntnis zum Klimaschutz als Begründung, warum Brasilien weiterhin ein wichtiger Partner bleibt. „Die Brasilianische Regierung bekennt sich nach wie vor zum Klimaschutz“ klingt besser als zu sagen, dass uns die deutschen Exporte wichtiger sind als Umwelt und Menschenrechte.

Zudem rächt sich, dass die Bundesregierung die eigenen Verpflichtungen zum Klimaschutz seit Jahren nicht erfüllt. Wie sollen wir Kenia oder Indien erklären, keine Kohlekraftwerke mehr zu bauen, während der eigene Kohleausstieg alles andere als ambitioniert ist, wir unsere Klimaziele verfehlen und unsere Energiewende vor die Wand fahren? Und wie wollen wir Brasilien dazu bringen, den Wald zu schützen, während wir die dankbaren Abnehmer von Soja für unsere Viehzucht und von Eisenerz für unsere Autoindustrie sind?

Solange Brasilien seine Umweltpolitik abschafft und den Wald zerstört, ist es unverantwortlich, dies auch noch mit einem Freihandelsabkommen zu unterstützen.

Auch ein Mercosur-Abkommen mit Klauseln zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit wäre bei weitem keine Garantie für besseren Waldschutz. Wahrscheinlicher ist es, dass sich die Zerstörung auf andere Gebiete verlagert. Schon seit 2005 darf in Brasilien eigentlich kein Soja mehr auf frisch abgeholzten Regenwaldflächen angebaut werden. Seitdem findet der Anbau vermehrt auf ehemaligen Viehweiden im Cerrado statt, dem ökologisch hoch bedeutsamen Trockenwald im Süden des Landes. Die Rinderzucht verlagert sich nach Amazonien. Der Kern des Freihandelsabkommens liegt in der Ausweitung der Agrar- und Bergbauexporte aus den Mercosur-Staaten. Die Gesamtproduktion soll also gesteigert werden mit der unweigerlichen Zunahme der benötigten Fläche und somit erhöhten Druck auf Waldgebiete.

Egal, welche Maßnahmen wir im internationalen Klima- und Umweltschutz unternehmen, wie viel wir aufforsten, wie grün unsere Technologien werden, wir müssen die weltweiten Produktions- und Konsummuster ändern.

Viele Vorschläge gibt es schon lange – eine ökologische Agrarwirtschaft, die vor allem für den lokalen Bedarf produziert, anstatt Futtermittel für Massentierhaltung um den Globus zu verschiffen. Regionale Wirtschaftskreisläufe, die unnötige Transportwege reduzieren. Klimaschädliche Subventionen abschaffen, die Überproduktion begünstigen.

Ein Weniger bedeutet nicht Mangel. Vielmehr wird unnötiges reduziert. Um Teil der Lösung zu werden, müssen wir zuerst aufhören, Teil des Problems zu sein.

Uwe Kekeritz ist Grünen-Bundestagsabgeordneter und Sprecher für Entwicklungspolitik.

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