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Protest gegen die rassistischen Krawalle in Clausnitz.
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Protest gegen die rassistischen Krawalle in Clausnitz.

Fremdenfeindlichkeit

Die Wahrheit steckt in den Menschen

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Bürgerinnen und Bürger in Europa sind beim Thema Flüchtlinge liberaler als Politiker. Das lässt hoffen – trotz all den Hohlköpfen, die brennende Flüchtlingsheime bejubeln. Die Kolumne.

Eigentlich habe ich es mir schon lange abgewöhnt, in die Köpfe von Menschen gucken zu wollen, die ich für Hohlköpfe halte. Wenn ich Bedarf daran habe, kann ich wirren Unsinn selber besser denken, dachte ich mir. Frei nach dem Motto „Das bisschen, was ich lese, schreibe ich mir selbst“. Ich gestehe, diese Haltung ist überheblich, doch sie ist auch eine Art Selbstschutz. Und sie ist bequem.

Das war nicht immer so. Vor etwa vierzig Jahren trat ich an, den Beruf des Journalisten zu ergreifen. Nicht weil ich berühmt werden wollte, viel reisen oder ins Fernsehen, sondern weil ich neugierig war. Ich wollte in anderer Leute Leben eintauchen, mehr erfahren über ihre Schicksale, Nöte und Sorgen, aber auch ihre Freuden und kleine Fluchten. „Nichts ist erregender, als die Wahrheit“, dieser Leitsatz des großen Journalisten Egon Erwin Kisch wurde auch meiner. Und die wahrste Wahrheit steckt nun mal nicht in Dingen, nicht in Vorgängen oder Ereignissen, sondern in Menschen. Ich war, soweit man das sein kann, frei von Vorurteilen und in der Lage, echte Empathie aufzubringen.

Es war kurz nach der Wende, es war in einer Stadt, die viele Einwohner immer noch Karl-Marx-Stadt nannten. Benannt nach dem Mann, der erkannt hatte, dass Menschen – wenn sie überleben wollen – gar keine andere Wahl haben, als dem Kapital zu folgen.

Ich recherchierte im Auftrag des „Zeit-Magazin“ über jugendliche Rechtsradikale im Osten und stieß auf einen Pfarrer, der dort ein Jugendzentrum betrieb. Ein heruntergekommener Schuppen, vollgestopft mit gelangweilten kleinen Glatzen in Bomberjacken und Springerstiefeln, die abends mit ihren Baseballschlägern zum „Fidschi-Klatschen“ ausrückten, wie sie das Verprügeln der wenigen verbliebenden Vietnamesen nannten. Eine Horde desillusionierter Pubertierender ohne Selbstvertrauen, ohne Arbeit und ohne Zukunftspläne. Sie waren bereits in jungen Jahren ganz unten und ließen ihren Frust an denen ab, die ihrer Meinung nach noch weiter unten waren, den „Fidschis“.

Einer der Jungs war Jens. 16 Jahre alt, Schulabbrecher, ein Bub wie aus dem Klischee. Ich verbrachte viele Tage mit ihm und seiner Familie bei Bier, Bemmen, Fluppen und wirklich guten Gesprächen. Als ich nach zwei Wochen wieder wegfuhr, klammerte er sich heulend an mich und schrie „Bitte nimm mich mit! Du kannst mir doch sicher in Frankfurt eine Lehrstelle besorgen!“. Ich reiste ab, ließ ihn zurück. Jens dürfte heute um die vierzig Jahre alt sein. Was aus ihm geworden ist? Ob er vielleicht einer derer war, die vorgestern in Bautzen jubelten, als ein Flüchtlingsheim brannte? Ich weiß es nicht. Ich habe keinen Kontakt zu ihm gehalten. Die Zeit mit Jens war eines der vielen Erlebnisse, die mich nach und nach meine Neugier verlieren ließen. Aus Resignation, aus Trauer, aus Ohnmacht und aus Selbstschutz.

Jakob Augstein berichtet in seiner aktuellen Kolumne im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, laut offenbar ernstzunehmenden Umfragen seien „sagenhafte 79 Prozent“ aller Europäer bereit, den liberalen Flüchtlingskurs von Angela Merkel mitzugehen. „Die Bürger Europas sind offenbar klüger, weitsichtiger, anständiger, als man ihnen zutraut“, schreibt er. Könnte sein, dass mich das wieder neugierig macht. Danke, Kollege Augstein.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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