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Die Wahrheit als Feind

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Von: Christian Bommarius

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Archivbild des damaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel, aufgenommen am 30.07.1987 bei einer Pressekonferenz in Mölln.
Archivbild des damaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel, aufgenommen am 30.07.1987 bei einer Pressekonferenz in Mölln. © dpa

In Erinnerung bleibt vor allem Uwe Barschel als der Mann, der die Wirklichkeit durch den systematischen Rufmord, die organisierte Lüge zu ersetzen versuchte und daran zugrunde ging.

Wenn die Barschel-Affäre nichts anderes wäre als die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines überehrgeizigen Karrieristen, dann würde sich heute, 25 Jahre nach dem Tod des abgewählten schleswig-holsteinischen CDU-Ministerpräsidenten, kein Mensch mehr für sie interessieren. Auch wenn sie sich allein als Fallstudie über Verlogenheit und Heuchelei in der Gesellschaft im allgemeinen und in der Politik im Besonderen erzählen ließe, hätte sie keine Aufmerksamkeit mehr verdient. Denn jüngere, kaum weniger eindrückliche Beispiele dafür gibt es mehr als genug. Was aber der Affäre bis heute das ungebrochene Interesse der Öffentlichkeit sichert, sind nicht nur die ungeklärten Umstände des Todes Uwe Barschels in der Badewanne eines Hotelzimmers im Genfer Hotel Beau -Rivage. Einzigartig in der Geschichte der Bundesrepublik war und ist sie vor allem durch den Versuch, den politischen Gegner nicht mit ein paar negativen Tatsachenentstellungen zu schädigen, sondern ihm ein komplett neues, rein fiktionales und das Publikum abstoßendes Image zu verleihen und ihn so zu vernichten.

Unvergessliche Worte

Dass dieser Versuch bis heute nie wiederholt worden ist, dürfte vor allem daran liegen, dass er mit der Selbstvernichtung des Täters endete. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich wiederhole: mein Ehrenwort, dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind.“ Diese unvergesslichen Worte sprach Barschel am 18. September 1987, zwei Wochen vor seinem Rücktritt und vier Wochen vor seinem Tod. Und schon damals war klar, dass hier ein Ehrenwort auf Unehre vergeben wurde. Denn es ging schon damals nicht nur um den Vorwurf, der um seine Wiederwahl bangende Ministerpräsident habe als „Mann fürs Grobe“ den wegen Verleumdung vorbestraften Reiner Pfeiffer eingestellt, der den Rufmord am SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm ins Werk setzen sollte. Zwar stand fest, dass Pfeiffer gegen Engholm eine anonyme Anzeige wegen angeblicher Steuerhinterziehung erstattet hatte, dass er als „Dr. Wagner“ bei Engholm angerufen und ihm bedeutet hatte, er – Engholm – sei an Aids erkrankt. Auch war erwiesen, dass Pfeiffer mit Unterstützung eines Freundes Barschels den Einsatz einer Detektei initiiert hatte, die den SPD-Spitzenkandidaten einige Zeit observierte.

Einzigartige Rufmordkampagne

Das waren die Vorwürfe, die wenige Tage zuvor der Spiegel unter Berufung auf eine eidesstattliche Erklärung Pfeiffers veröffentlicht hatte. Damals, am Tag der die Bundesbürger aufwühlenden Pressekonferenz Barschels, wusste noch niemand, ob Pfeiffer mit Wissen oder gar im Auftrag Barschels gehandelt hatte. Und dennoch war an jenem Tag – und das zu recht – das Urteil über Barschel schon gesprochen. Niemand hätte einem notorischen Verleumder und Lügner wie Pfeiffer sein Gehör geschenkt, die Spiegel-Veröffentlichung hätte es gewiss nicht gegeben, kein Mensch wäre auf den Gedanken gekommen, Barschel mit der Rufmordkampagne Pfeiffers in Verbindung zu bringen – hätte nicht Barschel selbst, hätte nicht die schleswig-holsteinische CDU eine Rufmordkampagne gegen den sozialdemokratischen Oppositionsführer betrieben. Das Image, das Engholm in einer Wahlkampfbroschüre verpasst wurde, war das eines „geländegängigen Opportunisten mit Gummirückgrat“, eines obskuren Gesellen, der „Kommunisten und Neonazis als Lehrer und Polizisten einstellen“ wolle, eines amoralischen Genossen, der „Abtreibungen bis zur Geburt“ favorisiere. In diese einzigartige Rufmordkampagne fügten sich die Aktionen Reiner Pfeiffers nahtlos ein.

Vorwürfe waren nicht haltlos

Ob nun die Beschuldigung Pfeiffers, Barschel habe von seinem Feldzug gegen Engholm nicht nur gewusst, sondern ihn ausdrücklich gebilligt, zutraf oder nicht – Barschels Katastrophe bestand darin, dass jeder, der die rufmörderische Wahlkampfbroschüre kannte, auch eine Beauftragung Pfeiffers durch Barschel zum Rufmord an Engholm ohne weiteres für möglich hielt. Selbst wenn sich alle Vorwürfe Pfeiffers gegen Barschel im Nachhinein als haltlos erwiesen hätten, wäre der Ruf Uwe Barschels unwiderruflich ruiniert gewesen. Aber die Vorwürfe waren nicht haltlos. Nur haben sich nicht alle bestätigt, einige erschienen später in anderem Licht, als sich herausgestellte, dass auch Engholm damals gelogen und sehr viel früher als behauptet von den Aktionen Pfeiffers erfahren, ja, dass Pfeiffer von der SPD Geld bekommen hat. Damit war auch Engholms Karriere am Ende. Aber in Erinnerung bleibt vor allem Uwe Barschel als der Mann, der die Wirklichkeit durch den systematischen Rufmord, die organisierte Lüge zu ersetzen versuchte und daran zugrunde ging.

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