Leitartikel

Wahnsinn und Wahn

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Die Tat vom Montag am Frankfurter Hauptbahnhof hatte mit der Herkunft des Verdächtigen nichts zu tun. Warum denken und twittern so viele dann das Gegenteil?

Es ist Sommer in Deutschland. Und nichts täte Land und Leuten im Augenblick besser, als einfach mal zu etwas mehr Langsamkeit zu finden. Vielen würde es gut tun, tief auszuatmen, die Schultern hängen zu lassen und einen Moment innezuhalten.

Natürlich muss die Gesellschaft reden über den Mann, der in dieser Woche in Frankfurt ein Kind und eine Mutter vor die Bahn gestoßen hat. Ein so verstörendes Verbrechen hat man selten gesehen.

Allerdings muss die Gesellschaft auch im Auge behalten, in welchem Ton sie über ein Thema wie dieses redet. Verstörend war in diesem Fall nicht nur die Tat, verstörend waren auch die Reaktionen. Schlimmer noch als die widerwärtigen Versuche der AfD, mit dem Verbrechen Punkte zu sammeln, war der addierte Hass von Hunderttausenden Privatleuten in den sozialen Netzwerken. Es wurde, kurz gesagt, viel zu viel gehechelt.

Unzählige Menschen zelebrierten auf Twitter und Facebook erneut ihren sattsam bekannten „kommentierenden Sofortismus“, wie der Kommunikationsforscher Bernhard Pörksen dieses neuartige, zwischen Modernität und Mittelalterlichkeit oszillierende Phänomen nennt.

Fakten werden erklärt, ohne dass jemand die Fakten kennt, Schuldige werden genannt, die mit dem Bösen, das geschehen ist, nichts zu tun haben – alles wie zu Zeiten der Hexenverbrennung. Aktuelle Kostprobe auf Twitter: „Kind von Eritreer vor Zug gestoßen – Danke, Merkel!“

Was ist los in den Herzen und Hirnen all jener, die solche Linien ziehen? Im Ernst: Wie hätte die Bundeskanzlerin vorbeugend vorgehen sollen gegen einen aus Afrika stammenden Familienvater, der seit 2006 legal in der Schweiz lebt, arbeitet und Steuern zahlt und als Muster guter Integration gilt?

Das Problem dieses Mannes hat nichts mit Politik zu tun, es siedelt zwischen seinen Ohren. Der Täter von Frankfurt hatte in den letzten Monaten, wie inzwischen ein Freund berichtete, Wahnvorstellungen entwickelt. Wir reden also über einen psychisch Kranken. Wenn es Versäumnisse gab in diesem Fall, dann haben sie damit zu tun, dass in der Schweiz sein für andere und für ihn selbst gefährlicher Zustand offenbar nicht erkannt wurde.

Die Deutschen haben wenig Grund, in solchen Fällen den Zeigefinger zu erheben. Hätten deutsche Ärzte rechtzeitig die Abgründe erkannt, die sich im Innersten des Piloten Andreas L. auftaten, könnten die 150 Menschen, die am 24. März 2015 mit dem Germanwings-Flug 9525 über die französischen Alpen fliegen wollten und durch den von L. herbeigeführten Absturz starben, heute noch leben.

Fälle wie diese gibt es immer wieder. Als Wolfgang Schäuble am 12. Oktober 1990 in seiner badischen Heimat im „Gasthof Brauerei Bruder“ auftrat, erhob sich irgendwann ein unerkannt Geisteskranker und gab drei Schüsse ab. Schäuble blieb querschnittsgelähmt. Mit Blick auf die Erkrankung des Täters sprach der CDU-Politiker später von einer Art „Unfall“.

Danke, Merkel? Viele halten unbeirrt an diesem Mantra fest. Mehr noch: Sie geben der Kanzlerin, das ist die ultimative Steigerung dieses Denkens, sogar die Schuld daran, dass der flüchtlingsfreundliche Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke von Rechtsextremisten ermordet wurde. Bei allem, was die Regierung getan habe, sei dies „eine menschliche Reaktion“, sagte allen Ernstes ein Pegida-Demonstrant. Der Mann ließ sich filmen bei dieser Äußerung, an einem Montag im Juli, auf den Straßen von Dresden.

So zu reden, fühlt sich für viele gut an. Es verschafft ihnen scheinbar Klarheit in schwieriger Zeit, es stärkt ihr Gruppengefühl, es lässt sie zusammenrücken. Dies alles einfach nur als politische Gehässigkeit zu deuten, als Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, ist nicht falsch, aber noch zu wenig. Etwas Schlimmeres, etwas ebenfalls im Seelischen Liegendes, kommt hinzu.

Im Wegdriften von der Wirklichkeit nähern sich die Leute aus der Danke-Merkel-Abteilung ironischerweise dem Täter an. Dem Wahn des Einzelnen folgt der Wahn der Menge. Darüber könnte man schmunzeln, wenn es nicht so gefährlich wäre. In solchen Teufelskreisen nämlich könnten Demokratie und Rechtsstaat zerrieben werden.

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