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Am Sonntag finden vorgezogene Parlamentswahlen in Griechenland statt.

Kolumne

Wahlen in Griechenland: Yannis ist zornig

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Der 40-Jährige betreibt ein Café auf einer griechischen Insel. Hört sich idyllisch an. Ist es aber nicht.

Yannis sieht nicht aus wie einer, der rechts tickt. Ein wacher Mann um die 40, zwei Kinder, die Frau arbeitet als Sozialarbeiterin. Aber Yannis ist im Grunde seines Herzens nur noch wütend. Ohne dass er eine Idee hätte, wie die Ursache zu beheben wäre.

Seine Geschichte spielt (großteils) auf einer kleinen Insel in Griechenland, wo am Sonntag vorgezogene Parlamentswahlen sind. Kleinerenteils spielt sie in Stuttgart. Viele auf dieser Insel haben etwas zu tun mit Stuttgart. Die Alten waren jahrzehntelang dort und haben malocht. Daimler, Bosch, Zulieferer, die Frauen gingen nach der Arbeit noch putzen. Die Generation Yannis ist dort geboren, aber fast alle sind zurückgegangen. Weil die Eltern sich mit dem Geld aus Deutschland eine eigene Existenz aufbauen wollten.

Das haben sie also getan, meistens irgendwas mit Tourismus. Kleine Hotels, kleine Läden. Heute sagt Yannis: Tourismus ist das Einzige, was funktioniert auf der nordgriechischen Insel. Inzwischen führt er das kleine Café. Zwei Terrassen, die obere mit einer wunderbaren Sicht über die bergige Altstadt runter aufs Meer. Aber eigene Existenz? Einen Job, sagt er, hätte er sofort, wenn er wollte – in Stuttgart. Aber hier? Ein paar Tagestouristen kommen rauf, trinken Kaffee und sind wieder weg.

Touristen bringen Geld

Es ist die Geschichte von einer Elterngeneration, die sich in Deutschland krumm legte und damit einen neuen Start zu Hause schaffte. Und von ihren Kindern, die mit diesem verbrauchten Erbe leben und wieder leiden. Es ist die Vision verschwunden, vielleicht auch die Illusion. Wenn im Norden Griechenlands von den Touristen die Rede ist, sind damit längst nicht mehr nur die reichen Mitteleuropäer gemeint. Inzwischen kommt die neue Mittelschicht aus Serbien, Bulgarien, Rumänien. Yannis meint, es wäre gut, wenn noch viel mehr Leute aus Bulgarien oder Rumänien kämen. Weil sie Geld bringen.

Es ist eine relativ ungentrifizierte Insel. Fast alles wie früher, bis auf die neuen Autos der Bulgaren und Rumänen. Yannis lebt von ihnen. Andere schimpfen über die bulgarische Mafia, die mit russischem Geld dabei sei, Griechenland aufzukaufen. In der Altstadt auf dem Berg sind es gleichwohl bislang eher Italiener und Deutsche, die sich einkaufen. Wobei nur 200 der 500 Häuser bewohnt sind.

Die Grundgeschichte stimmt so nicht

Wen wird jemand wie Yannis am Sonntag wählen? Er bekommt stechende, zornige Augen, wenn man ihn auf Alexis Tsipras anspricht, den bisherigen – vergleichsweise linken – Regierungschef. Dessen Haltung, sagt er, sei im Kern kommunistisch. Unwählbar für Cafébetreiber auf einem Berg mitten im Meer. Das Problem sei doch, sagt er, dass Griechenland gar keine Politiker habe. Er meint: solche, die etwas für alle bewegen. Die bisherigen hätten für sich viel Geld ins Ausland geschafft, die Menschen müssten das jetzt ausbaden. Nur zwei säßen dafür im Gefängnis, einer werde demnächst entlassen.

Es sind Gedankenfiguren, die an vielen Ecken Europas eine Rolle spielen, mit oder ohne Anlass. Es ist etwas dran, aber die Grundgeschichte stimmt so nicht, denn sie wird antidemokratisch erzählt. Populisten aller Schattierungen bedienen sich. Doch einer wie Yannis ist zu wach, um derart einfach eingefangen zu werden.

Eigentlich ist er jemand von der Sorte, die das Land jetzt braucht. Einer, der anpacken kann. Der nicht nur des Geldes wegen lebt, sondern dort, wo seine Eltern einst herkamen, eine Heimat findet. Es ist eine kuriose Situation. Yannis vertraut in die Menschen, die ihm begegnen. Aber er vertraut nicht in das System, in dem er lebt. Das ist politisch brandgefährlich – und zugleich ein Grund, Hoffnung zu haben auf Impulse aus dieser nächsten Generation. Nein, er wird nicht nach Stuttgart gehen.

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