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Wäre es nicht interessanter, prähistorische Menschen zu rekonstruieren anstatt Mammuts?

Künstliche Intelligenz und Mammuts

Vorwärts ins Neandertal

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Was haben künstliche Intelligenz und Mammuts gemeinsam? Mehr als man denkt. Die Kolumne.

Forscher sind manchmal eine merkwürdige Spezies – jedenfalls wenn sie Fragen aufwerfen, die bislang keiner stellt. Aber es ist meistens faszinierend, reinzuschauen in ihre Denkwelten. Zumal die eine oder andere Idee unversehens ja aufgekauft wird von Konzernen und sich dann womöglich alle wundern über die Umsetzungsideen in der realen Produktwelt.

Als kürzlich ein Autokonzern mit kleiner Münze eine Preisverleihung unter Sportjournalisten sponserte, stand der Konzernvertreter auf dem Podium und verkaufte  die Idee selbstfahrender Autos mit einem Vorschlag nach dem Prinzip „Umkleiden leicht gemacht“: Wer in Zukunft joggen geht, kann sein Auto leer nebenher fahren lassen, sozusagen als automobiler Kleiderschrank.

Die Begeisterung fiel bescheiden aus. Aber man konnte ahnen, welcher Natur die Staus der Zukunft sein werden: zu viele Kleiderschränke unterwegs. Der Automobilkonzern wird bei der Auswahl seiner Umsetzungsbeispiele nacharbeiten müssen. Manchmal ist es doch besser, einfach nur still zu sponsern. So wie ein anderer großer Mobilitätskonzern – die Bahn – einige Tage später.

Besagte Bahn unterstützte eine auf Show angelegte Konferenz zu Zukunftsthemen, die unter dem bescheidenen Titel „Plattform für den globalen Diskurs“ stattfand. Durch die Flure liefen junge Mitarbeiter mit dem T-Shirt-Aufdruck „Noch Fragen offen?“ Drinnen im Saal wurden im Halbstundentakt mehr oder weniger überzeugende Zukunftsforscherantworten präsentiert.

Zum Beispiel durch die Pakistanerin, die eine Gesellschaft für digitale Rechte gegründet hat und von der man lernen konnte, wie wichtig in einem totalitär regierten Land wie Pakistan der Schutz durch die Anonymität im Internet ist. Es gab aber auch hier so etwas wie Visionen. Vor allem bei einem russischen Genforscher, der sich daran abarbeitet, durch welche genetischen Veränderungen aus den ausgestorbenen Mammuts die Elefanten wurden.

Er schloss messerscharf: Wenn man diese Veränderungen am Genom von Elefanten „rückwärts“ vornimmt, müssten wieder Mammuts entstehen. Wozu das gut sein soll? Seine Antwort: Man könnte die Umweltveränderungen besser rekonstruieren, die zum Aussterben der Mammuts führten, und daraus für die Zukunft lernen. Was in Zeiten von „Gen-Scheren“ und seit der Geburt der chinesischen Gen-Babys Nana und Lulu eine ziemlich dreiste Antwort war.

Ob der Mann für die Mammut-Idee schon erste Konzernangebote hat, ist nicht überliefert. Aus Zeitgründen kam jedenfalls diese Publikumsfrage nicht mehr zum Zuge: Wäre es nicht interessanter, prähistorische Menschen zu rekonstruieren anstatt Mammuts? Sozusagen Neandertaler für die Zukunftsforschung. Ob ihm dazu eine so elegante Antwort eingefallen wäre wie zum Thema Klonen von Menschen? Da hat er auf seine drei Kinder verwiesen. Die seien doch jetzt schon alle gleich.

Nächstes Thema: künstliche Intelligenz (KI) und die Frage: „Wie lässt sich kontrollieren, dass ein Mammut wie Trump nicht bald weltweit Killerroboter losschickt?“ Schulterzucken beim so befragten Forscher. Aber vielleicht war wenigstens ein Vertreter der Bundesregierung im Saal, die gerade ein paar Milliarden Euro in die Entwicklung von KI stecken will, damit wir Europäer nicht schon bald völlig von der KI der Chinesen und US-Amerikaner abhängig werden. Der Vertreter der Regierung hat sich hoffentlich wenigstens die Frage notiert.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

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