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Vorsicht, Geschenke!

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Von: Petra Kohse

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Kleine Mitbringsel können den Alltag versüßen. Aber wo ist die Grenze zur Bestechung?

In Polen, so berichtet eine Bekannte, die dort lebt, ist die Währung für die wirklich wichtigen Dinge noch immer das „Geschenk“. Die meisten Geschenke werden heutzutage im sozialen und medizinischen Bereich gemacht. Wenn man einen Termin bei einem speziellen Arzt braucht, einen Operationstermin noch in diesem Jahr oder gar einen Platz im Pflegeheim. Kaffee und Whisky zählen zu den derzeit willkommensten Geschenken, wie sie sagt, und man überreicht sie ganz selbstverständlich, ja nimmt sogar Wünsche entgegen.

Natürlich hört sich das anstrengend an und nach einem Fass ohne Boden. Gleichzeitig liegt für mich eine bewundernswerte Deutlichkeit in dieser offenen Art, seine Bedürfnisse zu verhandeln, die ich selbst gar nicht aufbrächte. Ein klares Bewusstsein darüber, wo man steht und was man will. Diese MetaÖkonomie legt sich als Netz des Persönlichen und der Informiertheit (welche Marken? wie viel wovon? wem was?) über die Gebührenordnungen, die es natürlich trotzdem gibt, so wie es bei uns in den wirklich sensiblen Geschäften sicher ebenfalls Zusatzwährungen gibt, deren Kenntnis aber ein Privileg ist und kein Volksgut.

Offiziell sind Geschenke im Öffentlichen Dienst ja jederzeit zu melden und bei einem Wert von über zehn Euro zurückzuweisen. Aber wie geht man mit Gaben von Menschen aus dem arabischen Raum um, die zum Begrüßungsritual fest dazugehören können?

Eine junge Theatermacherin aus Tunis beispielsweise, mit der ich mich aus einem Arbeitszusammenhang heraus befreundet habe, geht nie ohne Geschenke aus dem Haus. Ein unerschöpflicher Vorrat an Hamam-Tüchern, Seifen, Halsketten, Armbändern, Notizbüchern, Gebäck und Lyrikbänden entströmt bei Begegnungen ihrer Handtasche, die sie mit einem Erweiterungszauber nach Art Hermine Grangers versehen haben muss.

Und sie verteilt die Gaben auf so persönliche und geradezu flächendeckende Art, dass es unmöglich ist, dieses Schenken nicht als kulturelle Leistung, als fast künstlerischen Eigenwert anzuerkennen, ganz egal, ob die Absicht nun, der Herkunft des Wortes im Deutschen entsprechend, ein Einschenken (jemandem einschenken) oder eine reine Gabe ist.

Jeder, der weiß, wie viele quälende Stunden es manchmal braucht, ein kleines „Statt Blumen“-Geschenk für eine Abendeinladung zu besorgen und wie hilflos und deprimiert man zwischen Regalen herumstehen kann, wird da zustimmen.

In der Tat hat die amtliche Ächtung des Schenkens und der Dinge, die es im professionellen Kontakt hierzulande gibt, wohl auch damit zu tun, dass es an der leichten Hand fehlt, mit Dingen umzugehen, sie zu finden, zu würdigen und weggeben zu können. Und an der Lust, andere zu erfreuen. Mehr Karthago, weniger Rom im öffentlichen Umgang wäre schön – und könnte die echte, verdeckte Korruption am Ende eher noch erschweren ...

Disclaimer: Das Thema dieser Kolumne hat sich zufällig ergeben und soll nicht rechtfertigen, dass ich aus dem Verfassen dieser oder der vorangegangenen 85 Kolumnen in den letzten beiden Jahren andere als vertraglich zustehende Vorteile gezogen hätte. Spaß gemacht hat es trotzdem, und wenn dies ein Abschiedswort ist, dann nur, weil ich mich künftig an anderen Stellen dieser Zeitung zu Wort melden werde. Ich bleibe also dran. Und Sie ja vielleicht auch.

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