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Über das chinesische Social-Credit-System wird in Deutschland meist im Kontext einer gesellschaftlichen Horrorvision berichtet.

Kolumne

Vorsicht beim Social-Credit-System

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Wenn China seine Bürgerinnen und Bürger bewertet, sind alle zu Recht misstrauisch. Aber was ist mit den anderen Notensystemen im Netz? Die Kolumne.

So wie es aufgemacht war, sollte es wohl als positive Nachricht daherkommen. 68 Prozent der Deutschen, also mehr als zwei Drittel, lehnen laut einer Umfrage ein Social-Credit-System ab, wie es die chinesische Regierung ab 2020 landesweit einzuführen plant. Da hat es sich doch wieder einmal gezeigt, das gesteigerte Bewusstsein der Deutschen für Freiheitsrechte und Datenschutz. Lediglich 17 Prozent befürworten solch ein Bewertungssystem, in dem soziales Wohl- und Fehlverhalten registriert werden soll.

Misstrauen? Immerhin jeder Sechste scheint der Meinung zu sein, dass nicht alles schlecht sein muss, was aus China kommt. Die Zahlen hat kürzlich das Marktforschungs- und Beratungsinstitut Yougov in Zusammenarbeit mit dem Sinus-Institut ermittelt und verbreitet und gleich noch weitere Einstellungen zum neuen Bewertungswesen abgefragt.

Über die chinesischen Bestrebungen ist hierzulande überwiegend im Kontext einer gesellschaftlichen Horrorvision berichtet worden. Die chinesische Regierung betrachtet ihre Bürger – nicht zuletzt zur Stabilisierung ihrer Herrschaft – als wandelnde Datensätze. Steuervergehen, Verkehrsübertretungen und Rüpeleien im Alltag werden nicht nur erfasst, sondern gehen in eine Art Punktesystem ein und können künftig, für was auch immer, herangezogen werden. Überwachen und Strafen – digital geht alles besser.

Mit besonderen Hilfestellungen für Bedürftige kann ein derart durchleuchteter Mensch natürlich auch wieder etwas gut machen. Aus der Sicht ihrer Erfinder ist das Social-Credit-System schließlich kein Sanktionsapparat, hinter ihm steht lediglich bloß ein sehr leistungsfähiger Rechner.

Das sehen einige der Umfrageteilnehmer genauso. Durchaus aufgeschlossen zeigten sich 36 Prozent der Befragten beispielsweise der Möglichkeit gegenüber, dass Unternehmen Kunden mit schlechtem Ranking ablehnen können.

33 Prozent sind der Meinung, dass die Ergebnisse auch zur Erhebung von Steuern herangezogen werden sollten, und 23 Prozent glauben, dass sie von einem Bewertungssystem für Sozialverhalten durchaus profitieren könnten. Das muss man sich wohl vorstellen wie das Bonussystem einiger Krankenkassen. Wer artig zur Vorsorge geht und sein Fitnessprogramm per App verwaltet, darf auf Nachlässe hoffen.

Bewertungen im Internet beliefern den großen Datensammler

Aber auch ohne alarmistische Technikangst vermögen die Umfrageergebnisse doch den Gedanken nahezulegen, dass der Blick in das totalitaristische China das Produkt einer überheblichen Selbsttäuschung sein könnte.

Das harmlose Spiel mit den Häkchen jedenfalls, die man hierzulande in beflissener Richterpose hinter ein Restaurant oder Hotel setzt, unterscheidet sich im großen Fluss der Algorithmen nicht von den geheimen Absichten böser Machthaber. Das narzisstische Gesellschaftsspiel, in dem man gern Noten verteilt, beliefert aufs Trefflichste den großen Datensammler und verrät das meiste auch über uns.

Trat uns die Schufa noch als undurchschaubare, missgünstige Instanz gegenüber, auf deren Ergebnis man lieber nicht angewiesen war, entstehen inzwischen täglich neue Portale zur Bemessung des sozialen Ertrags. Unsere Lust – und immer öfter auch unser Zwang – mitzumachen und andere zu bewerten, treibt unweigerlich darauf zu, am Ende auch bewertet zu werden.

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