Gastbeitrag

Die EU ist ein Vorreiter beim Schutz der Meere

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Brüssel schützt hiesige und internationale Gewässer mehr als viele denken. Und setzt dies fort - etwa bei der Konferenz Our Ocean.

Als EU-Kommissar ist die Verbesserung des Zustands der Weltmeere eine meiner Prioritäten. Ja, die Herausforderungen sind immens: Überfischung, Plastikabfälle, globale Erwärmung, illegale Aktivitäten. Und es liegt noch viel Arbeit vor uns. In Bezug auf eine Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, die in der Frankfurter Rundschau erwähnt wurde, möchte ich aber klarstellen: Die EU spielt sowohl international als auch bei ihren eigenen Gewässern eine führende Rolle bei der Suche nach Lösungen. Und sie hat bereits viel erreicht.

Die EU-Staaten haben sich verpflichtet, alle Fischbestände auf einen biologisch nachhaltigen Stand zu bringen. Einfach ausgedrückt heißt das, dass wir nur so viele Fische fangen, wie die Fischbestände verkraften können, ohne langfristig zurückzugehen. Immer mehr wirtschaftlich wichtige Fischbestände sind in guter Verfassung. Das zeigen die Zahlen. So hat sich der nördliche Seehechtbestand um das Sechsfache erhöht, und unsere Fischer können doppelt so viel Seehecht fischen wie noch 2008. Dies bestätigt meine Überzeugung, dass wir unsere Wirtschaft nur nachhaltig fördern können, wenn wir unsere Umwelt schützen.

Das jüngste Arbeitspapier des Kieler Instituts für Weltwirtschaft zeichnet jedoch ein viel negativeres Bild; es ist die Rede von Stillstand oder sogar Rückschritten. Konstruktive Uneinigkeit ist die Basis seriöser Wissenschaft. Aber wenn sich unsere Erkenntnisse und die eines angesehenen wissenschaftlichen Instituts völlig widersprechen, bedarf dies einer eingehenderen Betrachtung, auch um zu überprüfen, ob wir noch auf dem richtigen Weg sind.

Einige Behauptungen sind leicht zu widerlegen, weil es nachweislich positive Entwicklungen gibt. In den letzten sechs Jahren ist die Zahl der Fischbestände, für die die Fangquoten auf ein nachhaltiges Niveau festgesetzt wurden, von 20 auf 54 (von 76) gestiegen. In der Ostsee werden 95 Prozent der erwarteten Fänge in diesem Jahr unter nachhaltigen Fangquoten gefischt. 

Die unterschiedliche Bewertung der Fortschritte beruht zum Teil auch auf einer wissenschaftlichen Entscheidung. Nehmen wir den Kabeljau in der Nordsee, dessen Bestand in den frühen Nuller Jahren am Rande des Zusammenbruchs lag. In den letzten 15 Jahren ist der durch Fischerei entnommene Anteil des Bestandes um mehr als 50 Prozent zurückgegangen. Der Bestand an geschlechtsreifen Tieren hat sich dagegen verdoppelt. Der Nordsee-Kabeljau erhielt sogar das MSC-Siegel, die Nachhaltigkeitszertifizierung des Marine Stewardship Councils.

Wenden wir jedoch die „Kieler Methode“ an, sieht es aus, als habe sich der Bestand nicht verändert. Es ist bekannt, dass die „fanggewichteten“ Indikatoren, die vom Kieler Institut verwendet werden, zu verzerrten Ergebnissen führen. Eine Verschlechterung der Bestandssituation kann zu einer Verbesserung des Indikators führen und umgekehrt. Die UN haben diese Indikatoren aus genau diesem Grund verworfen.

Damit möchte ich die wissenschaftliche Qualität der Studie oder des Instituts nicht in Frage stellen. Ich bin mir bewusst, dass noch viel zu tun bleibt. Die EU-Staaten wollen bis 2020 saubere, gesunde und produktive Meere. Und 2020 steht ja vor der Tür.

Wir verfügen bereits über ehrgeizige europäische Rechtsvorschriften und arbeiten an weiteren. Die Länder der Europäischen Union müssen aber dafür sorgen, dass diese Maßnahmen, für die sie in Brüssel gestimmt haben, zu Hause auch umgesetzt werden. 

So hat beispielsweise gerade in diesem Sommer der Europäische Gerichtshof Deutschland wegen Verstoßes gegen das EU-Recht verurteilt, weil es die übermäßige Verwendung von Gülle als Düngemittel gestattet hat. Dieser Verstoß hat zu Nitratbelastung in der Ostsee geführt, die ohnehin schon stark unter Eutrophierung leidet. 

Eine abschließende Bemerkung: Wenn wir über „blaue Wirtschaft“ sprechen, meinen wir damit nicht nur Fischerei und Aquakultur, sondern auch Küstentourismus, Meeresbiotechnologie, Meeresenergie, Seeverkehr. Die blaue Wirtschaft in Europa ist 2,5 Mal so viel wert wie die Luftfahrt- und Verteidigungswirtschaft zusammen. Sie generiert jährlich einen Umsatz von 566 Milliarden Euro und beschäftigt 3,5 Millionen Menschen. Ihr Potenzial für eine nachhaltige Zukunft ist vielversprechend. Das kann aber nur gelingen, wenn unser blaues Wachstum auch umweltverträglich ist. 

Das sind die Botschaften, die ich im Namen der EU auf der Our Ocean Konferenz in Indonesien überbringe. Als die EU sie 2017 in Malta ausgerichtet hat, haben wir mehr als 400 Zusagen über sieben Milliarden Euro zum Schutz unserer Ozeane gesammelt. Kommende Woche werde ich 23 neue Maßnahmen ankündigen. Die EU nimmt den Schutz der Meere ernst. In der EU und weltweit.

Karmenu Vella ist EU-Kommissar für Umwelt, Meerespolitik und Fischerei.

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