Kolumne

Vorbild Berlin

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Wer in der Hauptstadt shoppen will, findet in fast jedem Kiez ein anderes Angebot. Daran sollten sich andere Städte orientieren.

Mir leuchtet ja jede ökologische und soziale Kritik am Onlinehandel ein. Aber wie kommen Menschen darauf, dass er die Innenstädte veröden lässt? Das kann doch nur jemand behaupten, der in den vergangenen 20 Jahren in keiner deutschen Innenstadt war.

Wie viel öder kann es denn noch werden als die immergleiche Aneinanderreihung von H&M, Tchibo, Deichmann und C&A? Dazwischen zwei Bäckereikettenfilialen, ein McDonald’s und ein Thalia-Buchladen. Abwechslung gibt es hier höchstens durch marodierende Junggesellenabschiede.

Ich verstehe jeden, der lieber zu Hause vor dem Rechner shoppt als dort zu bummeln. Würde man mich in einer beliebigen deutschen Innenstadt aussetzen, ich könnte in den allerseltensten Fällen erraten, in welcher ich mich gerade befinde.

In Großstädten wie Berlin geht das zum Glück auch anders. Hier gibt es nicht nur eine gesichtslose Fußgängerzone in der Innenstadt, sondern auch viele kleine Geschäfte in den jeweiligen Kiezen. Geübte Kennerinnen und Kenner können in Berlin zum Beispiel relativ sicher anhand des Ladensortiments erkennen, in welchem Bezirk sie sind.

Die Geschäfte in meiner Nachbarschaft in Gesundbrunnen sind Spätis, türkische Gemüseläden und Handyshops. Die profiliertesten Handydoktoren haben sich hier niedergelassen und führen ambulante und stationäre Operationen an offenen Smartphonedisplays durch. Alle Kassen, versteht sich.

Ein paar Straßen weiter in Prenzlauer Berg gibt es diese unfassbar seltene Kinderbekleidung ohne hellblau oder rosa und viele kleine Lädchen mit niedlichen Wohnaccessoires und Berlin-Frühstücksbrettchen. Warum sich die ausgerechnet als typisches Berliner Mitbringsel durchgesetzt haben, lässt sich wohl nur durch die Scheußlichkeit der Ampelmännchen- und Buddy-Bären-Alternativen erklären.

Sieht man Messinglampen und Avocados in den Schaufenstern, handelt es sich um Kreuzberg. Finden sich dazwischen Geschäfte mit billiger Polyacryldamenkleidung („Restposten aus Paris“), dann ist es wahrscheinlich Neukölln.

Hanfpflanzen und Bongos stehen für Friedrichshain, exklusive Damenboutiquen dagegen sind ein Hinweis auf Charlottenburg. Bieten sie Mode für etwas jüngere Damen, dann spricht das für Schöneberg, bei einer noch älteren Zielgruppe wiederum für Wilmersdorf.

Die mit Abstand mysteriösesten Geschäfte sind in Berlin Mitte. Von außen lässt sich nie erkennen, ob es sich um eine Bekleidungsboutique, Galerie, Espressobar, um einen Schmuckladen oder einfach nur um ein leeres Ladengeschäft handelt, in das der Makler zu Marketingzwecken ein paar Sukkulenten gestellt hat. Als Faustformel gilt: wenn man sich nicht in ein Geschäft traut, weil man sich zu uncool dafür fühlt, dann ist es wahrscheinlich in Mitte.

Der unabhängige Einzelhandel operiert in Berlin also mit einer passgenauen Zielgruppenorientierung. Statt einheitlicher Massenware für alle finden wir in unseren Nachbarschaften ein exklusiv auf uns zugeschnittenes Sortiment.

Bei einer zunehmenden Heterogenisierung der Gesellschaft kann ich nur hoffen, dass sich die diversen Innenstädte ein kleines Beispiel daran nehmen, denn sonst muss man am Ende dem Kapitalismus ganz allgemein die Verödung der Innenstädte vorwerfen und das will doch nun wirklich niemand. Oder?

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