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Die Kunst des Weglassens ist die schwerste, was sich nicht nur bei der Weihnachtsbeleuchtung oder beim Kaufen zeigt, sondern auch in der politischen Rhetorik. (Symbolbild)
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Die Kunst des Weglassens ist die schwerste, was sich nicht nur bei der Weihnachtsbeleuchtung oder beim Kaufen zeigt, sondern auch in der politischen Rhetorik. (Symbolbild)

Kolumne

Von Wachstum und Nichtstun

  • Petra Kohse
    VonPetra Kohse
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Worauf können, wollen und müssen wir verzichten? Eine Antwort fällt nicht so leicht. Die Kolumne.

Gestern wurde in Berlin das Licht ausgeknipst. Zumindest das des festtäglichen Berlins. 140 000 LED-Lämpchen haben sechs Wochen lang die kahlen Bäume längs des Kurfürstendamms illuminiert, jetzt ist Schluss, das neue Jahr krempelt die Ärmel hoch, und ab morgen werden die Weihnachtsbäume abgeholt.

Privat beginnt das große Aufräumen oft schon direkt an Heiligabend. Bereits am ersten Feiertag liegen im Mehrparteien-Hausflur dann Dominosteine in Schmuckpackungen, Krimis und Kalender zur Mitnahme aus, größere Geschenke werden auf nebenan.de getauscht. Der Vorsatz, jenen, die schon alles haben, lieber Wildtierpatenschaften oder vielleicht auch gar nichts zu schenken, ist wieder gescheitert, macht nichts, 2022 haben wir die nächste Chance.

Die Kunst des Weglassens ist die schwerste, was sich nicht nur bei der Weihnachtsbeleuchtung oder beim Kaufen zeigt, sondern auch in der politischen Rhetorik. So hat Neubundeskanzler Olaf Scholz in seiner Neujahrsrede nicht einfach angekündigt, die Klimaneutralität in 25 Jahren durch eine entsprechende Minderung des CO2-Ausstoßes erreichen zu wollen, sondern vielmehr durch den „größten Umbau unserer Wirtschaft seit 100 Jahren“: eine „gigantische Aufgabe“ mit „massiven Investitionen“, „Wohlstand“, „Weltspitze“ et cetera.

Wird Wachstum wirklich die Welt retten? Ich selbst will versuchen, im kommenden „Jahrzehnt des Aufbruchs“ (Scholz) lieber in Richtung Reduktion zu marschieren. Und das durchaus nicht gegen den Strom der Zeit.

Technisch gesehen können wir Schreibtischarbeiterinnen und -arbeiter als digitale Nomaden mit dem Weltwissen im Gepäck unser Büro längst überall aufschlagen und dabei inzwischen sogar schulpflichtige Kinder mitnehmen. Warum nicht die Herrschaft der Dinge minimieren, Ballast abwerfen, den nächsten weihnachtlichen Lichterzauber in Reykjavík und einen etwaigen weiteren Lockdown in den spanischen Bergen verbringen?

Weil es gegenüber den undigitalisierbar ortsgebunden Tätigen unfair wäre? Weil deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger aufgrund des Verwaltungsfetischs „fester Wohnsitz“, der auf die Reichsmeldeverordnung der Nationalsozialisten von 1938 zurückgeht, am Umherziehen gehindert werden? Weil eine echte Freizügigkeit in der EU noch immer nur für normiertes Gemüse und nicht für Menschen gilt?

Ja, alles drei. Aber am tiefgehendsten ist dazu wohl die eigene Eichung auf das Siedeln und Wurzelnschlagen und Sich-immer-weiter-verästeln-Wollen. Ich könnte die Bestände von 40 Regalmetern und den Inhalt aller Schränke in drei Tagen halbieren und vor die Tür stellen, ohne später im Alltag benennen zu können, was genau jetzt fehlt.

Trotzdem gibt es etwas in mir, das den Besitz eines englischsprachigen, bebilderten Lexikons für Kinder, das ich seit 40 Jahren nur zum Abstauben berühre, für Identität hält. Was ist das nur? Vielleicht mal Siri fragen?

Sie leitet mich auf eine österreichische Website über das Glück, die den erwartbaren Ratschlag gibt, das Buch sofort zu entsorgen. Vielleicht könnte man vorher ein Bild davon machen. „Just do it“ steht auch an der analogen Nike-Filiale am Europa-Center, eine Leuchtschrift, die ohne die weihnachtliche LED-Konkurrenz jetzt wieder die Gegend beherrscht. Die Botschaft ist: Mach es, tu es, sei es dir wert. Ja, mach ich! Aber das neue Tun heißt Lassen.

Petra Kohse ist Theaterwissenschaftlerin, Autorin und Heilpraktikerin für Psychotherapie.

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