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Wohnhäuser am Prenzlauer Berg.

Kolumne

Könnte man von der DDR lernen?

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Vieles war an dem untergegangenen Staat schlecht. Doch einiges war auch gut - wie bezahlbarer Wohnraum. Sollte man da also noch mal genau hinschauen?

Eigentlich ist ja der Satz ein gutes Zeichen. Wird er doch ausnahmslos im Zusammenhang mit Aussagen verwendet, die sich gegen Menschen aus anderen Kulturkreisen richten, also nach Gefasel wie „die nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ oder „denen wird das Geld reingeschoben, das uns fehlt“. Das ist schlecht. Gut hingegen ist die häufig gleich mitgelieferte Entschuldigung in Form des mittlerweile geflügelten Satzes: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“

Das heißt, man ist sich womöglich insgeheim der Wackeligkeit seiner Argumentation bewusst und/oder rechnet mit vehementem Widerspruch, hat womöglich sogar schon öfter damit Erfahrungen gemacht. Interessant ist hierbei, dass dieser Satz häufig aus Mündern zu hören ist, die sich schon in der DDR ihrer freien Meinungsäußerung beschnitten fühlten.

Ich drehe den Spieß jetzt mal um und sage auch etwas. Der Clou dabei ist, dass ich mit meinen folgenden Thesen mit Widerspruch von gleich zwei Seiten zu rechnen habe. Es geht um die Frage, was wir tun müssen, um unsere schlingernde Gesellschaft wieder auf Kurs zu kriegen. So viel ist ja wohl allen klar: Damit, wie es jetzt läuft, kommen wir nicht weiter.

Das zeigen die hilflosen Zappeleien der miteinander koalierenden einstigen Volksparteien. Deren Handwerkszeug taugte für die Erschaffung eines Wirtschaftswunders und die Nährung eines steten Wachstums, auf dem der Wohlstand der BRD basierte. Doch dieses Instrument ist seit Jahrzehnten verrostet und neues nicht in Sicht.

Kaum Wohnungsnot in der DDR

Also schauen wir doch mal in den anderen Teil Deutschlands. Wie haben die das denn gemacht nach 1945? Und haben wir (und damit meine ich den Westen nach der Einverleibung des Ostens) nach 1989 etwas falsch gemacht? Also, wie war das in der Deutschen Demokratischen Republik?

Ein Staat, der seine Bürger an der Grenze erschießt, ist ein schlechter. Das ist ja wohl klar. Auch dass er sie nicht reisen lässt, ihnen Berufsverbote erteilt und die Umwelt verpestet, kann niemand gutheißen – ebenso wenig wie schrottige Kern- und Kohlekraftwerke, Massentierhaltung und Stasi-Schnüffeleien. Und sonst?

Kaum Wohnungsnot. Kostenlose Gesundheitsversorgung auf höchstem Stand. Bezahlbarer und flächendeckender Personennah- und Fernverkehr. Oberleitungsbusse in Städten. Kostenlose Kinderkrippen. Ausbildungsplätze für alle. Kaum Obdachlosigkeit. Preiswerte Lebensmittel, erhältlich in kleinen Geschäften um die Ecke. Sichere Renten. Keine Konkurrenzkämpfe am Arbeitsplatz und mehr Mitmenschlichkeit im tagtäglichen Umgang.

Es kommt noch doller. Was heute als cool gilt, war in der DDR selbstverständlich. Beispiele: regionales und saisonales Essen. Wenig Fleisch, und wenn, dann „From Nose to Tail“. Handgemachte Brötchen. Wenig Flugreisen und wenig Autoverkehr und Tempo 100 auf Autobahnen. Recycling war alltäglich und nannte sich „Sekundärrohstoffverwertung“ und, ach ja, Männer trugen Bärte.

Ich weiß, was nun viele denken und höre sie wettern. Aber ich habe nicht den Sozialismus ausgerufen, sondern nur ein paar sachdienliche Hinweise angeführt, deren Umsetzung gemeinsam mit Neuzeitlichkeiten wie regenerativen Energien und Biolandwirtschaft durchaus eine wirkliche „Alternative für Deutschland“ sein könnten. Und außerdem wird man das ja wohl noch sagen dürfen.

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