KOLUMNE

Das Virus, die Wanze und der weiße Elefant

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Von Feuern, die nicht brennen, sauren Gurken und nützlichen Tieren, die Plastikflaschen schreddern.

Schon wieder kein Osterfeuer. Zum zweiten Mal in Folge. Letztes Jahr fiel es wegen Waldbrandgefahr aus, dieses Jahr war es doppelt verboten: zuerst Corona, dann kam wieder Waldbrandgefahr dazu.

Wenn es auch im nächsten Jahr ausfällt, kann man von einer Serie sprechen und sie als schlechtes Omen für die Zukunft werten, wenn man denn ein abergläubischer Mensch ist und an den Weltuntergang glaubt oder an den Anti-Christ oder an andere schlimme Dinge, die man früher mit dem Erscheinen von Kometen verband oder mit Entdeckungen in Glaskugeln.

Osterfeuer sind ja eher heidnischen Ursprungs, auch wenn niemand so genau weiß, wo der Ursprung liegt, aber so ist es ja mit den meisten Dingen: Die Vergangenheit ist so ungewiss wie die Zukunft, und dazwischen hocken wir Menschen in der Gegenwart und machen uns einen Reim darauf.

Manche von uns haben aus dem Reimen sogar einen Beruf gemacht. Sie heißen Experten und fügen Vorhersage an Vorhersage, dabei stimmt oft nicht einmal der Wetterbericht. Dafür stimmt aber der große Haufen Holz am Dorfrand, der über das Jahr gesammelt wurde und nun unangezündet vor sich hin dämmert.

Vor zwei Jahren hat es zu Ostern geregnet. Die Freiwillige Feuerwehr hat das Osterfeuer entflammt, den Grill angeworfen, Bratwürste draufgeschmissen und Kümmerlinge verteilt. Die Erde war aufgeweicht, man versank bis zu den Waden im feuchten Boden und tunkte Thüringer Rostbratwürste in Senf. Von vorne wärmte das Feuer, von hinten peitschte der Wind, im Magen grummelte die Wurst.

Die Hitze versengte die Plastikknöpfe an der Jacke und die Nässe trieb die Kälte in die Knochen. Die Folgen waren langwierige Erkältungserscheinungen und ruinierte Kleidung, aber noch keine Angst vor Corona. Es waren schöne Tage im Matsch, deren Folgen mit Aspirin und Kräutertee geheilt werden konnten.

Damals gab es auch noch viele Themen in den Nachrichten und nicht nur eine Sache, über die alle redeten. Analog zur Saure-Gurken-Zeit, in der nichts passiert, weil alle in den Sommerferien sind, kann man heute von der Eine-Gurken-Zeit reden, weil nur über eine Gurke geredet wird, über das Virus. Es steckt nicht nur Menschen an, es scheint auch alle anderen Bereiche des Lebens zu infizieren. Es ist, als hätte es auch noch das letzte gesellschaftliche Subsystem erobert.

Jedes Gespräch, sei es über Rezepte oder die Steuererklärung, wird nach kurzer Zeit zum Epidemie-Talk. Neulich hat sich unser Quarantäne-Haushalt geschworen, eine Stunde lang ganz bewusst NICHT über Covid-19 zu sprechen, was natürlich nur dazu geführt hat, dass wir es erst recht getan haben. Wer weiße Elefanten verscheuchen will, wird von ihnen zertrampelt.

Trotzdem kann man es ja mal mit einer guten Nachricht versuchen: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass ein bestimmter Vertreter der Blattwanze, sonst beheimatet in Komposthaufen, auch dazu taugt, Plastikflaschen in kleine Kügelchen zu zerlegen, was der Wertstoffindustrie ganz neue Möglichkeiten eröffnet. Plastik muss nicht mehr aufwendig geschreddert werden, sondern wird von den kleinen Tierchen klimaneutral zerlegt. Wahrscheinlich haben sie auch noch Spaß daran: Endlich wieder Polyethylenterephthalat!

Bisher waren Blattwanzen eher mein Feind, mir nur bekannt als Schadensverursacher an Blumen und Bäumen, aber nun hat sich unser Verhältnis positiv gedreht – und es ist doch schön, wenn sich Feinde in Freunde verwandeln und Arm in Arm der Zukunft entgegengehen, wie auch immer sie aussehen mag.

Vielleicht lieben wir irgendwann sogar das Virus. Aber erst einmal ist in 46 Tagen Pfingsten. Es könnte sogar regnen.

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