Kolumne

Virus und Völkermord

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Dass Corona viele Flüchtlinge bedroht, spricht sich langsam herum. Aber es gibt eine andere, kaum beachtete Gefahr: die Ausrottung ganzer Völker in Brasilien. Die Kolumne.

Viele haben Angst sich anzustecken. Andere handeln aus Vernunft, Einsicht oder Vertrauen in den Rat der Fachleute. Es ist die persönliche Betroffenheit, die uns derzeit veranlasst, die weitgehende Einschränkung unserer Freiheitsrechte zu akzeptieren.

Beachtlich ist, dass es angesichts der Bedrohung durch das Coronavirus kein Geschacher gibt, ob wir uns solche Maßnahmen leisten können, ob dadurch zu viele Arbeitsplätze in Gefahr geraten, was es für die Wirtschaft bedeutet. Es gibt eine klare Priorität, den Kampf gegen die Pandemie.

Beim Schutz von Klima und Biodiversität wird dieser Kampf nicht so konsequent geführt. Selbst die gesicherten Aussagen und unmissverständlichen Empfehlungen der Experten, der Ökologen, Klimatologen und Erdsystemforscher wurden und werden angezweifelt, gar ins Abseits geschoben, jedenfalls nicht in entschlossenes politisches Handeln umgesetzt.

Das ist nur so erklärlich, dass der Klimawandel und das Artensterben bei uns nicht allgemein als das verstanden werden, was sie sind, nämlich eine Bedrohung der eigenen Gesundheit, der anderer und unserer Lebensgrundlagen insgesamt.

Die Schäden und ihre Ursachen sind nicht so konkret greifbar, sind diffuser und komplexer. Real sind sie dennoch. Man darf das Gefühl haben, die Politik habe bei uns die virusbedingten Gesundheitsgefahren einigermaßen im Griff, ein Eindruck, den auch der Mangel an Beatmungsgeräten, Schutzkleidung, Intensivbetten, Personal nur wenig einschränken kann. Wir wissen, was wir brauchen und was fehlt. Es ist eine Frage der Logistik, der Beschaffung, aber nicht des fehlenden politischen Willens. Ganz anders als bei Klimawandel und Artensterben.

Nein, die Corona-Pandemie ist kein Segen, auch wenn die Luft seitdem (fast) überall deutlich weniger schadstoffbelastet ist, der Himmel über Wuhan so blau ist wie lange nicht und wir die positiven Aspekte der Entschleunigung zu erleben beginnen. Zu hoch ist der Preis, den zu zahlen wir gezwungen sind. Wirtschaftlich, finanziell, sozial, und das ohne jedes Wissen, wie lange die Pandemie anhält, ob sie bald überwunden ist oder im Herbst wiederkehrt.

Inzwischen richten sich Blicke auch auf die Situation derer, die fernab von Prävention und medizinischer Versorgung in den Flüchtlingslagern dem Virus schutzlos ausgeliefert sind. Noch kaum vernehmbar sind in Europa aber die Stimmen, die von den Ureinwohnern Australiens und Südamerikas zu uns gelangen.

In Brasilien, dessen Präsident noch immer von einem „Grippchen“ spricht, droht den Indigenen eine Vernichtungswelle wie zu Anfang der Kolonialisierung, als die Grippe und andere Krankheiten ganze Völker dahinrafften. Sie sind am wenigsten gefeit gegen das neue Virus.

Diese Form der Ausrottung, so lässt sich erahnen, spielt jenen in die Hände, welche den Schutz der Amazonas-Wälder und deren angestammte Bewohner schon lange als Hindernisse für die agroindustrielle Expansion und ihre finanziellen Partikularinteressen sehen. Die Vorstellung von so viel Menschenverachtung lässt erschauern. Absurd ist sie leider nicht.

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