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2. April 2020: In Nairobi stehen Menschen dicht gedrängt nach Lebensmitteln an.

Corona

Das Virus kann nur global und solidarisch bekämpft werden

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In Südasien, Afrika und Lateinamerika droht Corona zur Katastrophe zu werden. Lässt sich das verhindern? Der Gastbeitrag.

So weit die heutige Generation zurückdenken kann, haben sich Menschen auf der ganzen Welt noch nie so sehr auf eine bestimmte Bedrohung konzentriert – Covid-19, das die Gesundheit und das Wohlergehen von Millionen Menschen, das Funktionieren der Volkswirtschaften und das Gefüge unserer Gesellschaften selbst infrage stellt.

Bislang hat sich ein Großteil der Aufmerksamkeit auf die enormen Auswirkungen der Pandemie in Ostasien, Europa und Nordamerika konzentriert. Aber es wird immer deutlicher, dass sich eine potenziell noch verheerendere Epidemie in Südasien, Afrika und Lateinamerika entwickelt, wo Menschen und Regierungen vor erheblichen Herausforderungen stehen, wenn es darum geht, wirksame Präventionsmaßnahmen einzuführen, und wo es praktisch keinen Zugang zu ausreichender Schutzausrüstung, Diagnoseeinrichtungen und Intensivpflege gibt. Das Schreckgespenst einer menschlichen Tragödie, in der das Virus in den überfüllten Flüchtlingslagern der Welt Fuß fasst, beginnt Wirklichkeit zu werden.

Das Sars-CoV-2-Virus greift uns alle an, egal wo wir in der Welt leben, ob reich oder arm. Solange diese Pandemie nicht überall unter Kontrolle gebracht wird, sind alle, die dem Virus bisher entkommen sind, weiterhin gefährdet. Aber die Feststellung, dass das Virus uns alle betrifft, bedeutet nicht, dass wir alle in gleicher Weise betroffen sein werden.

Klar ist bereits, dass Länder derzeit um die gleichen begrenzten Ressourcen konkurrieren, seien es Schutzmasken, diagnostische Reagenzien oder Beatmungsgeräte. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, wer diesen Wettbewerb ohne globale Regulierung und gebündelte Finanzierung gewinnen wird. Die Welt steht vor einer beispiellosen Krise, die globale Solidarität in einem noch nie da gewesenen Ausmaß erfordert.

Es werden nicht nur enorme Ressourcen benötigt, sondern auch globale Mechanismen, um uns alle zu schützen. Mechanismen, zu denen alle Länder entsprechend ihren Fähigkeiten beitragen und von denen alle entsprechend ihren Bedürfnissen profitieren. Wir müssen davon abgehen, solche Investitionen als „Entwicklungshilfe“ zu betrachten, und sie uns vielmehr als „globale öffentliche Investitionen“ vorstellen, die in unserem gemeinsamen Interesse als eine Menschheit liegen.

Solche Investitionen hätten drei Hauptfunktionen: Erstens trügen sie der unmittelbaren Dringlichkeit Rechnung, in den kommenden Wochen und Monaten in allen betroffenen Ländern das benötigte Volumen an Schutzausrüstung, diagnostischen Tests und Behandlungsmöglichkeiten bereitzustellen. Zweitens würden sie die Produktion von einfach zu handhabenden und für alle erschwinglichen Diagnosemethoden, wirksamen neuen Medikamenten und einem Impfstoff fördern und beschleunigen.

Aber sehr wichtig ist drittens, dass wir bereits jetzt mit der Planung beginnen, Länder mit eingeschränkten Ressourcen beim Wiederaufbau ihrer Wirtschaft und ihrer Gesundheitssysteme unmittelbar nach dieser Pandemie zu unterstützen, damit sie besser auf die nächsten Wellen von Viruspandemien vorbereitet sind, die definitiv kommen werden.

Glücklicherweise haben wir Beispiele für globale Solidarität, die gut funktioniert haben. Die Welt reagierte auf die HIV-Pandemie mit der Gründung des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, der als Ressourcenpool fungiert und Millionen von Menschenleben gerettet hat. Ein weiteres Beispiel für einen gebündelten Finanzierungsmechanismus ist die Impfallianz Gavi.

Was müssen wir tun? Die globale Antwort auf Covid-19 wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) geleitet. Das Gesundheitsnotfallprogramm der WHO muss vollständig finanziert werden, und ihr Solidaritätsfonds für die Reaktion auf Covid-19 verdient volle Unterstützung.

Aber das in den nächsten Monaten und Jahren Erforderliche wird spezielle Mittel vonnöten machen, die rechtzeitig und unter breiter Beteiligung der Regierungen, des Privatsektors, der Zivilgesellschaft und der am stärksten betroffenen Gemeinschaften den Auswirkungen dieser beispiellosen Krise entgegenwirken können.

Der äthiopische Premierminister und Friedensnobelpreisträger Abiy Ahmed fordert eine außerordentliche Anstrengung in Form eines globalen Gesundheitsfonds. Die Einrichtung eines solchen Fonds würde angesichts der Dringlichkeit der Situation aber zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Die Weltgemeinschaft könnte stattdessen die bestehenden Instrumente wie den Globalen Fonds und Gavi bitten, dieses zusätzliche Mandat zu übernehmen und einen solchen Mechanismus wirksam aufzubauen.

Gemeinsam verfügen wir über einen enormen Wissens- und Erfahrungsschatz bei der Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Pandemien. Covid-19 könnte die Pandemie sein, die uns gezeigt hat, dass globale Solidarität nicht nur eine schöne Idee ist – sondern eine Notwendigkeit.

Christoph Benn ist Direktor beim Joep-Lange-Institut für globale Gesundheit in Amsterdam.
Michel Kazatchkine ist Sonderberater für Osteuropa und Zentralasien bei UNAIDS.
Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) war Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

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