Sars-CoV-2 als Brandbeschleuniger

Der Infarkt der vernetzten Welt

  • schließen

Covid-19 ist nicht nur eine Krankheit in der Gegenwart, sie ist auch die Krankheit der Gegenwart. Die Kolumne.

Auch in unserer Kleinstadt ist das Toilettenpapier alle, obwohl es noch keinen offiziellen Fall von Covid-19 im Landkreis gibt. Nudeln und Reis, in der großen Stadt in einigen Läden schon lange ausverkauft, liegen dagegen noch in den Regalen. Der Gedanke ist nicht so ganz falsch, dass vielen Deutschen das gepflegte Hinterteil näher ist als der Magen oder das Herz, obwohl das Herz näher am Hirn liegt.

Nachts ist bei uns über dem Dorf der Himmel sehr klar und neuerdings auch kein Flugzeug mehr zu sehen: Nur die Sterne blinken am Firmament und mit ihnen die Satelliten, während Frühling in der Luft liegt und die Bäume anfangen zu blühen.

Es war ja ein komischer Winter, ganz ohne Frost, ohne kalte Füße, ohne rote Nasen. Ich gehöre noch zu den Menschen, die ihre dicken Pullover im Frühling einmotten und im Herbst ausmotten. Aber diesen Winter habe ich sie gar nicht erst ausgemottet. Es war einfach nie kalt genug, um sich wirklich richtig einzumummeln, mit Schal und Mütze und dem dicken Mantel aus dem Fachhandel für Seefahrer in der Hamburger Innenstadt.

Man kann sich dort eindecken für die Tropen, für eine Expedition in die Wüste, für den Fischfang oder für eine Karriere bei der Marine. Manchmal habe ich aber den Eindruck, als sei der Fortbestand des Ladens mehr hanseatischer Nostalgie geschuldet als der Gegenwart mit ihren Schiffen unter der Flagge von Panama und ihren Ladungen, über die man sagen kann, dass außer Container aus China nichts gewesen ist.

Mit den Schiffen, mit der Eisenbahn, entlang der Handelsrouten, kam früher die Pest. Das bekannteste Buch über die Plage stammt von Albert Camus und heißt wie sein Gegenstand: Die Pest. Der Roman spielt in einer Stadt am Mittelmeer, in Oran. Dort bricht die Plage von einem Tag auf den anderen aus, mit toten Ratten.

Die Bevölkerung nimmt die Pest zuerst nicht ernst und macht weiter wie bisher. Dann hofft die Mehrheit darauf, der Kelch möge vorbeigehen, ohne dass man aus ihm trinken muss, was sich als Illusion erweist. Schließlich beherrscht die Pest die Stadt und alle müssen ihr Knie beugen, ob Frauen oder Männer, Kinder oder Alte, Schuldige oder Unschuldige.

Für Camus war das Leben absurd und vergebens, weil es immer auf den Tod hinausläuft, was ihn nicht darin hinderte, darin eine große Freiheit zu sehen. Wenn man nichts zu verlieren hat, kann man sein Leben in die eigene Hand nehmen. Man muss dem Tod die Stirn bieten, auch wenn man weiß, dass man verliert. Die gute Nachricht dabei ist, dass Covid-19 harmloser sein wird als die Pest und keine Landstriche entvölkert. Die schlechte Nachricht ist, dass es immer noch kein Toilettenpapier im nahen Supermarkt gibt.

Bemerkenswert aber bleibt, wie Covid-19 auf all die Prozesse, die sich seit Jahren abzeichnen, wie ein Brandbeschleuniger wirkt: die Einzelhändler, die zumachen müssen, während Amazon neue Beschäftigte einstellt. Die Restaurants und Gastwirtschaften, die leer sind, weil nur noch to go gegessen wird. Die Kinos, denen die Besucher weglaufen, weil es auf der Couch und mit Mediatheken bequemer ist. Die sozialen Kontakte, die nicht mehr über den Gartenzaun oder von Balkon zu Balkon stattfinden, sondern über Chatgruppen. Die Selbstisolierung in kleinen Zellen. Die Schockwellen der öffentlichen Erregung.

All das nimmt nun dramatische, vielleicht unumkehrbare Formen an. Covid-19 ist nicht nur eine Krankheit in der Gegenwart, sondern auch die Krankheit der Gegenwart: der Infarkt der vernetzten Welt. Wenigstens kommt er ohne tote Ratten aus.

Volker Heise ist Filmemacher.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare