Kolumne

Das Virus und die blinde Kuh

  • vonRichard Meng
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Mühsam tasten wir uns durch die Corona-Zeit. Wird es den Moment der Wahrheit geben? Die Kolumne.

Das Wort vom Tasten ist nun schon einige Wochen alt. Der Bundespräsident hat es gebraucht, um den coronapolitischen Fortbewegungsstil zu beschreiben: tastend, vorsichtig also, ständig abwägend. Wobei tasten dann ja bedeutet: Zu sehen ist wenig bis nichts. Also fingerspitzenfühlen und sich dann im Kopf einen vernünftigen Reim drauf machen. Und fast ist es wie beim Kinderspiel Blindekuh: spannend, wer was zu ertasten glaubt.

Nun ist das mit dem vernünftigen Reim im Falle Corona nicht leichter geworden. Sogar die Virologen liegen auf offener Bühne im Streit. Der Ton wird generell gereizter, vor lauter Einigeln im Abstand zueinander. Immer neue Notlagen tauchen im Nebel auf, die Rettungsschirm-Orgie ist noch lange nicht zu Ende.

Zwischen Öffnungsdrängeln und Vorsichtsmahnungen liegen Welten. Zum Teil auch, weil tatsächlich die Unübersichtlichkeit wächst. Beim Befund wie bei den Rezepten. International sowieso, wo sich – alleingelassen und kaum wahrgenommen – unvorstellbare Heimsuchungen entwickeln, ob in Indien, Afrika oder Südamerika. Während Europa mit sich selbst überlastet ist, wofür wir uns rückblickend dann ratlos schämen werden. Weltgemeinschaft? War mal ein schöner Begriff.

Unsere Länderchefs haben jetzt so etwas wie regionale Hofvirologen, mit unterschiedlichen Ansätzen. Wenn diejenigen recht behalten, die das Hauptrisiko nun in den Aerosolen, also virentragender, nebelartiger Raumluft, sehen, werden noch viele Hoffnungen umsonst gewesen sein – hinsichtlich Kultur, Schulen und Kitas vor allem.

Aber wann wissen wir Tastenden das belastbar? Die Antwort ist nicht in Sicht. In diesem Punkt ist politisch viel Prinzip Hoffnung. Also Daumen drücken, was bei Tasten nicht leicht ist.

Jetzt gibt es die fulminante Kaskade des Herabdelegierens – bei Sichteinschränkung gar nicht unklug, eher unvermeidlich, wenn auch wenig beruhigend. Die unterschiedlichen Regeln in Schulen und Kitas sind nicht das Ende dieser Kaskade. Länder statt Bund, Kreisgesundheitsämter statt Länder, am Ende wird es heißen: Eigenentscheid statt Behördenvorgabe. Selber tasten.

Wer fährt wohin im Urlaub und setzt sich damit welchem Risiko aus? Die Abstimmung mit den Füßen geht in Richtung Zuhausebleiben, mit Kollateralnutzen vielleicht für die Gartenlokale. Wer schickt Kinder wirklich in Kita oder Schule, wenn das wieder geht? Da wird es sehr unterschiedliche persönliche Antworten geben, unterschiedliche Rechtsauffassungen obendrein, viele Krankmeldungen beim Personal sowieso. Die Debatte über Kita- und Schulpflicht wird offener sein als jede zuvor.

Wer traut sich, die einen Hilfsforderungen zu erfüllen und die anderen abzuwehren, also: beim Geld klar Prioritäten zu setzen? Da beginnt gerade ein harter Verteilungskampf, die schöne Zeit der Bewilligung aus Überschüssen ist vorbei. Ob politischer Mut im vergangenen goldenen Jahrzehnt generell verloren gegangen ist oder nicht: Auch das muss sich erst noch zeigen, trotz Konjunkturpaket.

Beim alten Kinderspiel ist es am Ende ja so, dass die Augenbinde abgenommen wird und alle sehen, wen oder was sie ertastet haben. Wie schön er doch ist, so ein Moment der Wahrheit. Im wirklichen Leben ist es gerade sehr anders. Und wir blinden Kühe müssen uns ziemlich Mühe geben, das Vertrauen in unseren Tastsinn nicht zu verlieren.

Vielleicht gibt es da jetzt wenigstens so etwas wie Herdenintelligenz. Es wäre schön angesichts der so oft erlebten Herdendummheit. Aber es setzt die Fähigkeit zur Gemeinsamkeit voraus. Schon wieder so ein Problem, das täglich schwieriger zu werden scheint in solchen Abstandszeiten.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung

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