Globale Virenabwehr

Pandemie-Pegida zum Trotz: Was die WHO jetzt wirklich tun muss

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Die Weltgesundheitsorganisation braucht einen Neustart – mit neuen Technologien und neuem Personal. Der Leitartikel.

Schon in der Art und Weise, wie die Konferenz begann, lag eine historische Blamage. Als die Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf am 18. Mai 2020 um zwölf Uhr ihre zweitägige Jahresversammlung eröffnete, konnte sie die Teilnehmer rund um die Erde nur per Video zuschalten. Eine Pandemie plagt den Planeten: Die Vermeidung genau dessen, was wir jetzt erleben, war eigentlich Auftrag und Seinsgrund der WHO.

Die WHO habe es „vermasselt“, sagt US-Präsident Donald Trump. In Wahrheit aber handelten alle Beteiligten zu spät, jeder auf seine Art. China ließ drei wertvolle Wochen verstreichen, in denen die Behörden sich erstmal darauf konzentrierten, nicht die Verbreitung des Virus zu verhindern, sondern die Verbreitung von Nachrichten darüber. Als China seinen Kurs endlich änderte und die WHO Ende Januar den Rest der Welt warnte, geschah noch immer zu wenig.

In Europa schlug die EU-Kommission den EU-Staaten den massenhaften Kauf von Schutzmasken vor. Die Regierungen erwiderten, sie hätten alles im Griff und erinnerten daran, dass Gesundheitsschutz nicht in die Gemeinschaftszuständigkeit der EU falle. Damals wurden die Weichen gestellt für das beschämend uneuropäische und unsolidarische Durcheinander in den ersten Tagen und Wochen der Krise.

In den USA wiederum äußerte sich Trump zur gleichen Zeit noch immer witzelnd über das „chinesische Virus“, das zum Glück „nur 15“ seiner Landsleute angesteckt habe – und gewiss die Sonne des amerikanischen Frühjahrs nicht überstehen werde. Niemand hat sich mit Ruhm bekleckert. China war zu wenig transparent. Europa war uneins und ineffizient. Und in den USA störte die Verhöhnung der Wissenschaft durch Trump.

Was nun? Seriöse politische Führung darf sich nicht aufs Management der bereits entstandenen Notlage beschränken. Es muss auch darum gehen, eine Wiederholung systematisch auszuschließen. Dazu gehört ein Neustart der Virenabwehrpolitik auf globaler Ebene. Die Staatenwelt muss der WHO mehr Geld geben, gute neue Leute und vor allem eine neue Autorität.

Die nächste Pandemie kann bald folgen. Soll dann erneut ein nationalistisches Chaos anheben, mit der Folge der nächsten Weltwirtschaftskrise? Eigentlich müsste die Lektion jetzt gelernt sein. Eine global vernetzte Wirtschaft braucht auch eine global vernetzte Virenabwehr. Alles muss so laufen wie bei Rauchmeldern: Wenn irgendwo Gefahr ist, muss jeder es erfahren, nicht irgendwann, sondern in Echtzeit.

Die Technologie gibt es bereits. In US-Denkfabriken wie dem Atlantic Council nehmen bereits Strukturen für ein „Immunsystem des Planeten“ Gestalt an. Man will Erreger extrem früh aufspüren und unschädlich machen, in einem zwar global koordinierten, aber stets dezentral bleibenden Abwehrkampf, immer mit dem Ziel maximaler Eindämmung.

Wer, bitte, hätte im Prinzip etwas dagegen – abgesehen von diversen Verschwörungstheoretikern etwa aus der deutschen Pandemie-Pegida? Das Thema gehört ganz nach oben bei den nächsten Gesprächsrunden der Weltmächte, bei G7 im Juni und bei G20 im Juli.

Washington und Peking täten gut daran, ihre nationalistischen Aufwallungen zu bremsen und in den kommenden Wochen eine Vermittlung durch die Europäer zuzulassen: Wäre nicht am Ende ein weltweites Virenwarnsystem ebenso wie eine weltweite Impfstoffpolitik im Interesse aller Beteiligten?

Zusätzliche Strahlkraft brächte neues Personal an der Spitze der WHO. Die US-amerikanische Aids-Stiftung brachte einen sehr prominenten Namen ins Spiel: Barack Obama. Solange Trump regiert, erscheinen Erwägungen wie diese als pure Tagträume. Doch nichts und niemand in der Politik bleibt ewig machtvoll.

Jene jedenfalls, die jetzt allem lärmenden Nationalismus zum Trotz für einen großen Schritt in Richtung weltweite Vernetzung werben, haben mächtige Fürsprecher in der Wirtschaft. Eins zumindest steht fest: Gemessen an den derzeit entstehenden Milliardenverlusten wären die Investitionen in eine Stärkung der Weltgesundheitsorganisation überschaubar. 

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