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Vieles deutet auf die große Koalition hin

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Von: Daniela Vates

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In vielen Dingen sind sich Merkel und Schulz einig. Was folgt daraus?
In vielen Dingen sind sich Merkel und Schulz einig. Was folgt daraus? © rtr

Im Wahlkampf sind Kanzlerin Merkel und Martin Schulz zwar Konkurrenten. Aber sonst haben sie vieles gemeinsam. Was bedeutet das für die Abstimmung? Der Leitartikel.

Mitten drin in der Fernsehdebatte mit Angela Merkel hat sich Martin Schulz Hilfe von außen geholt. Nicht bei Willy Brandt oder Helmut Schmidt oder sonstigen sozialdemokratischen Ikonen, sondern bei einem schiitischen Gelehrten. Man sprach gerade über den Islam und Schulz zitierte den Gelehrten mit dem Satz: „Jenseits von richtig und falsch gibt es einen Ort, dort treffen wir uns.“

Eigentlich, sagte der SPD-Kanzlerkandidat, habe er sich das Zitat für den Schluss aufbewahren wollen. Tatsächlich hätte er die Debatte damit gut zusammengefasst. Der Ort, an dem sich Merkel und Schulz wohl wiedertreffen, ist der Kabinettstisch. Das Jenseits ist ein sehr diesseitiges, ein sehr naheliegendes.

Merkel und Schulz sind Konkurrenten

Im Wahlkampf sind Merkel und Schulz Konkurrenten. Aber schlecht verstehen sie sich nicht. Das liegt nicht daran, dass beide in der wohl kuriosesten Situation der Sendung erklärten, am Sonntag nicht in der Kirche gewesen zu sein – Schulz war sonntags in einer Kapelle, Merkel samstags beim Totengedenken in der Kirche. Es liegt daran, dass die beiden Volksparteien ohnehin große Schnittmengen haben. Es liegt an der Bereitschaft beider, aufeinander zuzugehen.

„Frau Merkel hat recht“, war im TV-Duell ein beliebter Satz des sonst angriffslustigen Schulz. Und die Kanzlerin nickte wiederholt zufrieden, wenn ihr Gegner die Weltlage erklärte. Der Frage, ob er als Juniorpartner in eine große Koalition gehen würde, wich Schulz aus. Merkel sagte, dass sie nur mit AfD und Linkspartei nicht regieren wolle.

Schulz gibt Merkel häufig recht

Es kann also sein, dass die dann dritte Neuauflage einer CDU/CSU-SPD-Regierung unter Merkel bevorsteht, auch wenn sich die Regierungspartner voneinander erschöpft zeigen. Auch wenn neue Konstellationen mit Sicherheit frische Ansätze hervorbringen würden. Auch wenn ein Zusammenschluss der beiden Großen als erdrückender, Vielfalt verhindernder Koloss gilt.

Aber in der Regierungszeit der großen Koalition ist auch Vielfalt entstanden. Die FDP, die sich durchs Regieren klein gemacht hat, hat wieder zu Kraft gefunden. Die AfD ist erstarkt. Es gehört zu den Absurditäten der politischen Entwicklung, dass ausgerechnet der Zuwachs an Oppositionsparteien das Bündnis der beiden Volksparteien verlängern kann – weil es für stabile Bündnisse aus großen und kleinen Parteien einfach nicht reicht.

Die Kanzlerin muss die CSU mitdenken

Merkel muss als Koalitionspartner immer auch die so wenig pflegeleichte CSU mitdenken. Die Union ist an sich schon ein Zweierbündnis mit ständigem Kompromissbedarf. Ein weiterer Partner lässt sich ganz gut machen, mit zwei weiteren – mit Grünen und FDP zusammen – würden Beschlussfassungen erheblich mühsamer. Die Pragmatikerin Merkel wird gegen eine große Koalition nicht viel haben. Auf der anderen Seite springt Schulz seine Lust am Mitregieren aus allen Poren. Wenn es darum geht, ob man als Oppositions- oder als Regierungspartei weiter vor sich hindümpeln sollte – durchsetzen kann man als Mitregierender mehr.

Oder ist das TV-Duell, das einzige Zusammentreffen der Konkurrenten ums Kanzleramt, doch der Wendepunkt in diesem Wahlkampf, so wie es die ins Hintertreffen geratene SPD gern sehen möchte? Folgt nun der nächste wundersame Aufstieg des Martin Schulz, aus dem TV-Studio ins Zentrum der Macht sozusagen? Eher nicht. Selbst wenn Schulz und die SPD den Umfragerückstand etwas aufholen, wie das auch schon nach den Fernsehduellen der letzten Bundestagswahlkämpfe der Fall war: Wahrscheinlich ist es nicht, dass der Wahlsieger am 24. September Schulz heißen wird.

Wahlsieger Schulz - eher unwahrscheinlich

Der Umfragenabstand zwischen Union und SPD ist groß. So ein erster Platz kann einen Sog auf die entwickeln, die gerne bei den Gewinnern sein wollen. Außenpolitische Krisen, die sich noch entwickeln können, mehren gewöhnlich den Kanzlerbonus, weil sie eine Sehnsucht nach Stabilität auslösen und die Lust auf Neues verringern.

Merkel hat noch einen weiteren Vorteil: Schulz hat sich bei dem TV-Duell zwar gut geschlagen. Aber Merkel stand in den Umfragen als Siegerin da, auch wenn der Anteil derer, die sie im Vorteil sahen, im Vergleich zu den Vor-Sendungs-Umfragen geschrumpft war. Bei den unentschlossenen Wählern konnten beide punkten.

Interessant sind aber zwei Punkte: die Nervosität, mit der Merkel in das TV-Duell zog. Und das ostentative Abwiegeln des Unions-Lagers, in dem man nicht müde wird, zu betonen, dass die Wahl noch nicht gewonnen sei. Dass es wichtig sei, die allerletzte der Entscheidungswellen zu erwischen. Knapp drei Wochen sind es nun noch bis zur Bundestagswahl am 24. September. Die Union hat die Erfahrung gemacht, dass zu große Selbstsicherheit ein Hindernis ist, über das Favoriten straucheln können.

Helmut Kohl hat das 1998 erfahren, als er sich für unbesiegbar hielt und abgewählt wurde. Und auch Merkel kennt das Gefühl: Bei ihrer ersten Wahl 2005 schrumpfte ihr Vorsprung über den Sommer. Gelangt hat es für Merkel allerdings auch damals noch.

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