Kolumne

Viel Schein und wenig Sein

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„Ferz“ steht für Dinge, die eigentlich niemand braucht. Davon gibt es mehr, als man denkt. Elektroroller sind in dieser Kategorie nicht allein unterwegs.

Eigentlich ist sind ja Fürze kein geeignetes Thema für eine Kolumne zum Heiligen Abend. Aber Obacht. Wie so oft im Leben sollte man auch hier nicht allzu voreilig urteilen. Deswegen erst einmal ein Bonmot unseres Altkanzlers Helmut Kohl.

Der machte sich bekanntlich wenig aus Glanz und Glamour, weder in der Politik noch im Leben und schon gar nicht beim Essen. So stand der bekennende Liebhaber von Deftigem einmal im Kanzleramt vor einem Buffet mit Pfälzer Spezialitäten und stutzte. Dann ergriff er ein Leberwurstbrot, nahm mit spitzen Fingern ein darauf drapiertes Blättchen Petersilie, schnippte es neben den Teller und murmelte empört „Ferz“.

Natürlich hatte er dabei keine Darmwinde im Sinn. „Ferz“ heißt vielmehr im Pfälzischen und Südhessischen „Fürze“ und meint etwas Überflüssiges und Überkandideltes, etwas mit viel Schein und wenig Sein. Macht etwa jemand im shakespeareschen Sinne viel Lärm um nichts, wird er deswegen häufig als „Ferzbeutel“ bezeichnet. Der typische Modeberuf für solche Leute ist der des Eventmanagers.

Etliche haben sich ja spezialisiert und sind „Wedding Planner“, also Hochzeitsplaner. In den USA gibt es mittlerweile sogar „Christmas Planner“, um das Thema des Tages ein wenig zu streifen. Die kriegen viel Geld dafür, dass sie den Leuten die Kugeln an den Baum hängen. Mir ist kein einschlägiges Zitat bekannt, doch ich bin mir ziemlich sicher, Helmut Kohl hätte so etwas auch als „Ferz“ bezeichnet. Womöglich hätte er sogar die Steigerungsform benutzt und kopfschüttelnd „Knodeferz“ gestammelt, also Fürze mit Knoten. Man spricht übrigens auch gerne von „Ferz mit Dubbe“, also von Fürzen mit Tupfen, doch das führt an dieser Stelle wohl zu weit.

Aber kommen wir zur Auflösung. Was hat der Heilige Abend nun mit Fürzen zu tun? An Weihnachten pflegen Menschen ja traditionell viel zu reisen. Früher heim zu den Lieben, heute zusammen mit den Lieben irgendwo hin. Hauptsächlich geschah dies in diesem Jahr am vergangenen Samstag. Autobahnen, Bahnhöfe und Flughäfen drohten fast zu kollabieren, ebenso die Gehwege dichtbesiedelter Wohnviertel.

Dort nämlich hetzten Millionen von Menschen zu Bussen, Bahnen oder Parkplätzen, um dann auf Große Fahrt zu gehen. Und alle zergelten sie fluchend und stöhnend Koffer auf Rollen hinter sich her. Wie störrische Zwergesel, die offensichtlich lieber zu Hause geblieben wären, sonst hätten sie nicht so einen fürchterlichen Lärm verursacht. Es half nichts, sie mussten mit.

Zu meiner Freude rissen etliche vor Widerspenstigkeit sogar im Weg geparkte Elektroroller um und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Es war ein stundenlanges Gerumpel, Gequietsche, Gepolter und Geknarze – dann endlich, gegen 18 Uhr, kehrte Ruhe ein.

Vor Jahren traf ich einen alten Mann. Er war Seniorchef eines alteingesessenen Frankfurter Kofferfachgeschäfts. Noch immer stand er täglich im Laden und erzählte den Kunden von früher. Von guten Koffern. Aus Leder. Mit Beschlägen. Von herrlichen Koffern. Von kleinen Koffern bis hin zu Überseekoffern. Von wundervollen Koffern. Irgendwann fragte ich ihn, was er denn von Rollkoffern halte. Der alte Mann zuckte zusammen, blickte mich mit leidender Miene an. Und, was sagte er wohl? Richtig. „Ferz“.

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