Leitartikel

Viel mehr als Autos

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Nach dem Gipfel mit Pkw-Firmen sollte Kanzlerin Merkel auch die Probleme von Schulen, Kitas und Altenheimen zur Chefsache erklären. Der Leitartikel.

Klar, man kann auch über Autos reden. Man muss es vielleicht sogar. Es geht um eine der zentralen Wirtschaftsbranchen in Deutschland: 1,75 Millionen Beschäftigte sind laut Statistischem Bundesamt „mit der Autoindustrie verbunden“, arbeiten also bei den Herstellern oder irgendwo in der weit verzweigten Zuliefererindustrie. Weil die Lieferketten eingebrochen sind, gibt es in der Branche Produktionsstopps und Kurzarbeit.

Angela Merkel hat das Thema zur Chefsache gemacht: Schon zum zweiten Mal lädt sie zum Corona-Auto-Gipfel im Kanzleramt. Vertreter von VW, BMW und Daimler können – nicht vor Ort, aber immerhin per Videoschalte – der Kanzlerin ihre Forderung nach Hilfen in der Corona-Krise persönlich nahebringen.

Es wird um Zuschüsse gehen und um Kaufprämien. Es ist nicht zu erwarten, dass etwas beschlossen wird. Aber das Konjunkturpaket, das die Regierung bis Anfang Juni erarbeiten will, dürfte ein Autokapitel erhalten. Die Bundesländer, in denen die Autoriesen ansässig sind, haben den Druck bereits aufgebaut.

Man kann über Autos reden, man muss es vielleicht sogar. Die Frage allerdings ist, wie das geschieht. Automanager verweisen fröhlich auf die außerordentlich gute Unternehmensbilanz des vergangenen Jahres. Sie finden, auch in der Krise könnten Dividenden-Ausschüttungen an Aktionäre nicht infrage stehen. Aber auf Hilfe drängen sie doch.

Die Differenz zwischen dem Anspruch an den Staat und dem an sich selbst ist erheblich. Mehr noch: Beim Ruf nach Geld vom Staat geht die Branche nonchalant über ihre Fehler und Versäumnisse hinweg. Zur Erinnerung: Es war die Autoindustrie, die bei Abgasnormen betrogen hat. Und die sich gesträubt hat gegen die Entwicklung klimafreundlicher Antriebe. Klimaauflagen sind da das Allermindeste, sollte es doch Staatshilfen geben.

Mit der gleichen Begeisterung und Vehemenz wie um Auto und im Übrigen auch die Fußball-Bundesliga mögen sich Bund und Länder bitteschön ab sofort auch um Bereiche mit einer weniger kraftvollen Lobby kümmern, an denen keine Werbeeinahmen hängen, keine liebgewonnenen Fernsehnachmittage oder wortgewaltige Blechfreunde.

Rund 820 000 Lehrkräfte und elf Millionen Schülerinnen und Schüler gibt es nach Angaben des Statistischen Bundesamts. In Kitas arbeiten rund 720 000 Menschen und betreuen 3,7 Millionen Kinder. In Pflegeheimen und ambulanter Pflege zählt das Bundesgesundheitsministerium 1,1 Millionen Beschäftigte. 3,4 Millionen Menschen sind offiziell pflegebedürftig. Für Schulen und Kitas soll es am Mittwoch zumindest einen Rahmenplan geben, einzelne Länder haben hier auch schon ihre eigenen Ideen kundgetan. Länder wie Sachsen-Anhalt wollen das Besuchsverbot für Seniorenheime aufheben.

Es tut sich also etwas, aber gleichzeitig tut sich auch nichts. Es fehlt ja mehr als nur offene Türen und Abstandsregeln. Von flächendeckender Ausrüstung von Pflegeheimen mit Schutzausrüstung ist wenig bis nichts zu hören. Kinderbetreuung lässt sich mit Homeoffice eben nicht bequem vereinbaren.

Und die Corona-Krise hat die dramatischen strukturellen Defizite im Bildungs- wie im Pflegebereich noch deutlicher gemacht. Es gibt zu wenig Lehrerinnen und Lehrer. Die frühkindliche Bildung wird zu wenig beachtet, Kitas zu sehr als Betreuungsstationen betrachtet. Anders ist es nicht zu erklären, dass Erzieherinnen und Erzieher weiter unterbezahlt sind. Pflegerinnen und Pfleger sind es sowieso, der Personalschlüssel in den Heimen ist schon in Nicht-Krisen-Zeiten eine Zumutung - für Beschäftigte und Betreute.

Auch hier braucht es einen Wandel. Es reicht nicht, die Debatte darüber zu verschieben auf die Nach-Krisen-Zeit. Es ist nicht klar, wann diese Zeit anfängt. Die Systemrelevanz aber manifestiert sich jetzt. Gehaltsstrukturen müssen auf den Prüfstand, die Finanzierung des Gesundheitssystems und dessen Durchrationalisierung muss infrage gestellt werden. Systemrelevanz zu erhalten ist nicht umsonst. Auch das sollte die Kanzlerin zur Chefsache erklären.

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