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Gastbeitrag

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In den großen Volkskirchen gab es in der Nazizeit wie bei fast allen gesellschaftlichen Gruppen nur wenig Widerstand. Ein Gastbeitrag von Philipp Gessler.

Die katholische Kirche Deutschlands stand dem Nationalsozialismus bis zur Machtübernahme 1933 ablehnend gegenüber – es gab sogar das Verbot, als Katholik oder Katholikin Mitglied der NSDAP zu werden. Nachdem aber Adolf Hitler in die Reichskanzlei eingezogen war und den Volkskirchen öffentlich Entgegenkommen signalisierte, erklärten die katholischen Bischöfe am 8. Juni 1933 ihr grundsätzliches Einverständnis zum neuen Regime. Hinzu kam das Konkordat, das der Vatikan im Juli 1933 mit der neuen braunen Diktatur einging. Es sicherte der Kirche in Deutschland, etwa für ihre Seelsorge oder Schulen, viel Autonomie, was den Bischöfen besonders wichtig war. Der Preis aber war eine enorme Aufwertung des Hitler-Regimes.

Katholische Kirche während der NS-Zeit: Nur vereinzelt Widerstand

Es gab einige Bischöfe, die die braune Diktatur von Anfang sehr kritisch sahen, etwa August Graf von Galen, der Bischof von Münster, oder Konrad Graf von Preysing, der Bischof von Berlin. Auch protestierte Papst Pius XI. (anders als sein Nachfolger Pius XII.) in seiner Enzyklika „Mit brennender Sorge“ 1937 mit klaren Worten und auf Deutsch gegen das NS-Regime. Die wenigsten deutschen Bischöfe aber sprachen sich öffentlich gegen die Judenverfolgung aus. Berühmt geworden ist lediglich der Protest von Galens gegen die „Euthanasie“, die heimliche Ermordung von Zehntausenden behinderter Menschen durch die Nazis. Dieses Massenmord-Programm wurde daraufhin abgebrochen. Das zeigt: Die Kirchen hatten Einfluss, ihre Stimme war nicht unwichtig.

Protest der Katholischen Kirche gegen „Euthanasie“-Programm

Einzelne Katholikinnen und Katholiken leisteten mutig Widerstand. Neben einfachen Laien waren auch Geistliche darunter, etwa der Berliner Domprobst Bernhard Lichtenberg, ebenso die Philosophin, Frauenrechtlerin und Nonne Edith Stein. Ein Beispiel ist auch der österreichische Kriegsdienstverweigerer Franz Jägerstätter, dessen Schicksal gerade in dem Film „Ein verborgenes Leben“ nachgezeichnet wurde. Aber dies waren Einzelpersonen, nicht die Kirche an sich.

Evangelische Kirche in der NS-Zeit: Traditionelle Nähe zu konservativen Strömungen

Bei der evangelischen Kirche war das Bild ähnlich. In den ersten Jahren des NS-Regimes waren die antisemitischen „Deutschen Christen“, eine dem NS verfallene Bewegung protestantischer Christen, in den einzelnen Landeskirchen sehr stark. Dies war auch Folge der traditionellen Nähe des Protestantismus zu konservativen Strömungen und zur staatlichen Gewalt, ein spätes Erbe Luthers, der glaubte, seine Reformation brauche den weltlichen Schutz protestantischer Fürsten. Der Tiefpunkt der evangelisch-nazitreuen Strömung war die Gründung des Eisenacher „Entjudungsinstituts“, das absurder Weise versuchte, die Bibel zu „entjuden“ und aus Jesus einen „Arier“ zu machen.

Dietrich Bonhoeffer als bekanntester Widerständler der Evangelischen Kirche in der NS-Zeit

Es gab im deutschen Protestantismus aber auch die „Bekennende Kirche“. Sie rein NS-kritisch zu bezeichnen wäre falsch. Aber gerade in der „Barmer Theologischen Erklärung“ vom 31. Mai 1934, verfasst im wesentlichen vom Jahrhundert-Theologen Karl Barth, klang für theologisch kundige Köpfe eine klare Distanz vom Nazi-Regime durch. Dennoch: Wie bei den Katholiken waren es fast nie die Kirchenführer, die den Nazis klar widerstanden, sondern nur einfache Christen. Zu den Bekanntesten gehörte der brillante Theologe Dietrich Bonhoeffer, der im KZ ermordet wurde. Auch die evangelische Lehrerin Elisabeth Schmitz aus Hanau leistete Widerstand. Mit einer anonymen Denkschrift versuchte sie 1935, ihre Kirche zu Protesten gegen die Judenverfolgung zu bewegen – vergeblich. Es ist bezeichnend, dass ihre Leistungen im Widerstand erst vor wenigen Jahren eine nennenswerte öffentliche Würdigung erhielten.

Philipp Gessler ist Redakteur bei der evangelischen Zeitschrift zeitzeichen.

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