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Adolf Hitler und Benito Mussolini - einer von beiden hat wohl das Patent auf rechtes Gedankengut.

Kolumne

Wer hat das Patent auf rechtes Gedankengut? Hitler oder Mussolini?

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Wird rechtes Gedankengut ähnlich wie Schüttgut am Rande von Städten gelagert? Wird es von dort auf Bestellung verschickt?  Die Kolumne von Volker Heise.

In den letzten Monaten und Jahren habe ich häufig das Wort rechtes Gedankengut gehört, kann mir aber nicht vorstellen, was das sein soll: Gedankengut. Es scheint auch mehr rechtes als linkes oder konservatives Gedankengut zu geben, jedenfalls wird darüber nicht so oft geredet. Wenn man seine Suchmaschine auf sie ansetzt, kommen nur Treffer im suboptimalen Bereich heraus, während rechtes Gedankengut prominent vertreten ist.

Schon für das Wort „Gedankengut“ hat Wikipedia nicht einmal eine Eintragung, weshalb ich mir zwischendurch vorgestellt habe, dass es wie Schüttgut oder Leergut oder Stückgut in großen Lagerhallen am Rande von Städten gestapelt oder aufbewahrt und mit der Post oder einer Spedition ausgeliefert wird.

Kann man Erika Steinbach Gedankengut im Internet bestellen?

Vielleicht ist es auch vielfältiger als man denkt und man kann es bei irgendwem im Internet bestellen, mit Zusatzleistungen, die man genauso dazu wählen kann wie bei der Buchung von Flugreisen: das Erika-Steinbach-Gedankengutpaket für den ergrauten Vertriebenen mit Schlesienerweiterung und Sitzfreiheit oder das irre Paranoiapaket für die Generation Uwe, garantiert widerspruchsfrei und terroraffin.

Tatsächlich handelt es sich bei „Gedankengut“ um ein Doppelwort, in Fachkreisen Kompositum genannt, Die deutsche Sprache wimmelt nur so von ihnen. Fußball, Bettdecke oder Katzenfutter. Es gibt sogar eine leichte Tendenz zum Mehrfachwort, was hin und wieder bizarre Ausmaße annimmt, etwa bei Töpfereibetriebseröffnungsfeier.

Wo fängt der Gedanke an und wo hört das Gut auf?

Meistens erschließen sich die Komposita auf den ersten Blick, manchmal aber stiften sie Verwirrung, wie bei Gedankengut. Hier werden zwei Hauptwörter – der Gedanke, das Gut – zusammengesetzt, die nicht zusammen passen: Wie kann ein Gedanke ein Gut sein? Es gibt zwar den Begriff des freien Gutes, wozu eigentlich Luft und Wasser gehören, aber auch die werden gerade marktwirtschaftlich verarbeitet. Der große Rest zählt zu den wirtschaftlichen Gütern, man muss sie erwerben, weil sie selten oder teuer sind, einem jedenfalls nicht gehören – und wem gehören schon die Gedanken, vor allem die rechten?

An dieser Stelle kommt ein Begriff ins Spiel, der noch verwirrender ist: das geistige Eigentum. Dazu zählen Kunstwerke und technische Erfindungen, die der Frau oder dem Mann gehören, die sie erschaffen oder erdacht haben. Wo das Eigentum anfängt oder aufhört, ist umstritten. Unter Experten gilt der Satz: Es gibt kein einheitliches Begriffsverständnis.

Wer hat das Patent auf rechtes Gedankengut? Adolf Hitler oder Benito Mussolini?

Sofort stellt sich in diesem Zusammenhang auch die Frage, wer ein Patent anmelden könnte auf rechtes Gedankengut: Adolf Hitler? Benito Mussolini? Und müssten nicht alle, die das ganze Paket oder nur Teile davon abonniert haben – Hitler komplett, Easy Mussolini – Nutzungsgebühren zahlen? Aber an wen? Rechtsnachfolger von Hitler ist die Bundesrepublik, aber die hat das Erbe ausgeschlagen, sich davon entgiftet, was auch Ex-Bundespräsident Joachim Gauck mit dem rechten Gedankengut machen will.

Aber ich frage mich, wie das gehen soll: Nazis auf Entzug? Haben sie eine Nadel im Arm? Nein: Rechtes Gedankengut ist ein sperriger und in die Irre führender Begriff, auch wenn nicht klar ist, wie irre er ist. Weil wir aber im Jahr der frohen Kolumne sind, muss eine Klärung herbei. Sie findet sich im Videospiel Pokemon, wo man Spielfiguren einsammeln und den Gegner besiegen muss. Dort ist das Gedankengut ein Spielzug und gehört zur Funktion Attacke, Typ Psycho. Er existiert seit drei Generationen.

Volker Heise ist Filmemacher.

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