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Die Kolumne

Verwelkte Stadtlandschaft

  • Michael Herl
    VonMichael Herl
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Wo immer es um den Niedergang geht, kommt Pirmasens ins Spiel. Das ist nicht schön. Die Stadt allerdings auch nicht.

Eigentlich müsste ich Sie nun bitten, mich nicht auszulachen. Aber wenn Ihnen danach ist, tun Sie es ja dennoch. Deswegen lasse ich das mit der Bitte und schreibe trotzdem: Ist Pirmasens nicht überall? Sehen Sie, Sie lachen! Dabei meine ich es ernst. Ich habe an dieser Stelle ja schön öfter über dieses Städtchen in der Pfalz geschrieben. Meistens jedoch führte ich irgendwas mit Blutwürsten im Schilde, mit dem Fußballverein FKP oder dem Dadaisten Hugo Ball, der von dort stammte. Nun aber möchte ich den Ruf der Stadt verteidigen. Mehr und mehr muss Pirmasens nämlich als Synonym für den Niedergang herhalten. Ob im „Presseclub“ der ARD, im „Spiegel“ oder in Programmen diverser Kabarettisten: Pirmasens wird zum Spott der Nation.

Und klar, wie so häufig in solchen Fällen, ist dies ein unmotiviertes Nachgeplapper. Denn wer der holden Damen und Herren der Weltpresse war denn schon mal in Pirmasens? Sehen Sie. Ich schon. Ich wurde nämlich dort geboren. Deswegen kann ich mit Fug und Recht behaupten: Wirklich schön ist es dort nicht. Aber wer außer knipsenden Japanern mag schon diese herausgeputzten Modellbahnstädtchen wie etwa Rothenburg ob der Tauber? Nicht ohne Grund fragen dort amerikanische Touristen, wer all dieses pittoreske Fachwerk denn dorthin gestellt habe. In Pirmasens käme keiner auf eine solch abstruse Idee. Pirmasens symbolisiert keine geklitterte Geschichte, sondern gelebte. Man stößt dort allerorten auf Relikte einstigen Wohlstands, auf Überreste des Wirtschaftswunders, auf mittlerweile verwelkte, aber einst blühende Stadtlandschaften.

Es gab Zeiten, da stammte jeder zweite in Deutschland verkaufte Schuh aus Pirmasens. Der örtliche Jaguar-Händler verscherbelte, gemessen an der Einwohnerzahl, die meisten Karossen in der ganzen Republik. Gleichzeitig taugte die Stadt als Lehrbeispiel für unternehmerische Ausbeutung. Pirmasens war schon immer eine Arbeiterstadt. Heerscharen ungelernter Kräfte sorgten für enormen Wohlstand von drei Dutzend Fabrikanten, die sich jeden Samstag bei Schnecken und Froschschenkeln in den Nobelrestaurants des nahen Elsass selbst feierten. Eine nennenswerte Mittelschicht hingegen existierte nie.

Umso schneller geriet die Stadt in den Abwärtsstrudel, als in den sechziger Jahren die industrielle Schuhfabrikation zuerst nach Italien verlagert wurde, dann nach Portugal und schließlich in den fernen Osten. Die Stadt darbte. Den Todesstoß versetzte ihr die US-Army, als sie vor gut zwanzig Jahren die Pfalz verließ und somit die letzten Arbeitsplätze vernichtete. Die Folge: Binnen weniger Jahrzehnte sank die Einwohnerzahl um fast die Hälfte. Ganze Straßenzüge stehen mittlerweile leer, die Häuser sind dem Verfall preisgegeben.

Also, werden Sie nun sagen, das passt doch mit dem Paradebeispiel für den Niedergang. Mag sein. Doch es ist zu kurz gedacht. Denn was in Pirmasens geschah, ereignet sich in vielen anderen Städten und Regionen ebenso. Nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern oder dem Ruhrgebiet, sondern bald auch dort, wo es heute noch keiner für möglich hält. Überall, außer in ausgesuchten Ballungszentren für ausgesuchte Wohlhabende. Und dann kann man wirklich sagen: Pirmasens ist überall!

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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