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Vertreibung mit verheerenden Folgen

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Hilfseinrichtung für Geflüchtete aus der Ukraine am Berliner Hauptbahnhof.
Hilfseinrichtung für Geflüchtete aus der Ukraine am Berliner Hauptbahnhof. © Christophe Gateau/dpa

Der Krieg gegen die Ukraine zwingt Millionen Menschen zur Flucht. Sie brauchen Versorgung auch für ihre psychische Gesundheit. Der Gastbeitrag.

Olga ist eine 20-jährige Ukrainerin, die erst vor Kurzem nach Hause zurückgekehrt ist. „Bisher schaffe ich es nicht, zur Ruhe zu kommen“, schildert sie ihre Erfahrungen als Flüchtling. „Ich leide unter ständiger Angst. Menschen wie ich brauchen psychologische Unterstützung, denn wir fühlen uns völlig desorientiert und verloren. Meine kleine Schwester will weder spielen noch mit Menschen interagieren; sie will nur nach Hause zurück.“

Seit Ausbruch des Krieges in der Ukraine sind über 100 Tage vergangen. Millionen von Menschen wurden gewaltsam vertrieben und waren einer enormen Stressbelastung und Ungewissheit ausgesetzt. Über 5,1 Millionen Flüchtlinge haben in den Nachbarländern und anderswo Zuflucht gesucht. Millionen sind innerhalb der Landesgrenzen auf der Flucht. Während meiner Besuche in der Ukraine, Polen, der Republik Moldau und der Tschechischen Republik habe ich mit eigenen Augen die verheerenden Folgen für Leben und Gesundheit der Menschen gesehen. Europa erlebt gerade die größte Vertreibung seit über 75 Jahren.

Am Weltflüchtlingstag am vergangenen Montag haben wir die Stärke und den Mut der 100 Millionen Menschen weltweit anerkannt, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. In unserer eng verflochtenen Welt dürfen wir ihre gesundheitlichen Bedürfnisse einfach nicht vernachlässigen.

Gerade erleben wir eine enorme Nachfrage nach einer bedarfsgerechten psychiatrischen Versorgung und psychosozialen Unterstützung für Flüchtlinge aus der Ukraine. Die psychische Gesundheit und das psychosoziale Wohlbefinden dieser Menschen – überwiegend Frauen und Kinder – wurden in vielen Fällen gravierend von ihren Erfahrungen geprägt: lebensbedrohliche Ereignisse, Vertreibung, Unterbrechung familiärer und sozialer Kontakte, Verlust von Wohnung und Existenz, mangelnder Zugang zum Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesen und Angst und Sorge mit Blick auf die Zukunft der in den Konfliktgebieten Verbliebenen.

Das Erleben von bewaffneten Konflikten, Krieg, Vertreibung, Trennung von Familienangehörigen, aber auch von Gräueltaten und anderen lebensbedrohlichen Ereignissen kann ungeheure und oft lang anhaltende negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben. In der akuten Phase erleben die meisten Menschen emotionale Not – Angstzustände, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit sowie Schlafstörungen, Erschöpfung und Reizbarkeit.

Dies sind natürliche Reaktionen, die sich bei den meisten Menschen legen. Doch mit der Dauer des Konflikts steigt das Risiko posttraumatischer Belastungsstörungen dramatisch, vor allem wenn jemand vom Krieg direkt betroffen ist, etwa durch Verlust von Angehörigen oder durch eigene Verletzungen.

Flüchtlinge brauchen Zugang zu einer hochwertigen Gesundheitsversorgung, die auch die Bereiche psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung einschließt. Dies gilt für alle Flüchtlinge, unabhängig von ihrer Herkunft. Denken Sie daran: Niemand wird freiwillig zum Flüchtling. Alle Flüchtlinge werden durch Konflikt, Verfolgung oder Naturkatastrophen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen.

Das Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Europa unterstützt Länder in Europa und Zentralasien bei der Bewältigung der gesundheitlichen Bedürfnisse von Flüchtlingen. Dies erfordert es, für die unmittelbaren gesundheitlichen Bedürfnisse zu sorgen und den Ländern beim Aufbau flüchtlingsgerechter Gesundheitssysteme behilflich zu sein, die kulturelle und sprachliche Barrieren überwinden können. WHO Europa hat innerhalb von Tagen nach Kriegsbeginn Experten in die Ukraine und ihre Nachbarländer entsandt, um die komplexe Koordinierung der psychischen Gesundheitsversorgung und der psychosozialen Unterstützung einzuleiten, etwa durch Informationen an Flüchtlinge mit psychischen Vorerkrankungen über Zugang zu Therapie und psychotropen Medikamenten.

Wir müssen der Tatsache Rechnung tragen, dass eine große Anzahl von ankommenden Flüchtlingen Gesundheitssysteme oftmals schnell überlastet, sogar in wohlhabenderen Ländern. Die Vorbereitung auf solche Situationen ist notwendiger denn je, da sie zur Widerstandsfähigkeit der Gesundheitssysteme und zum Schutz des Rechts aller Menschen auf Gesundheit beiträgt – auch der Millionen Menschen, die ohne Verschulden aus ihrer Heimat fliehen mussten. Stehen wir Flüchtlingen wie Olga bei, indem wir Solidarität in praktisches und nachhaltiges Handeln umsetzen.

Hans Henri P. Kluge ist Regionaldirektor für Europa bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

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