Kolumne

Vertrauenssachen

  • Petra Kohse
    vonPetra Kohse
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Wenn die Nachbarin Sie um etwas Öl bittet, geben Sie es ihr. Und glauben Sie daran, dass Ihre Vorräte dennoch reichen werden. Die Kolumne.

Ein Warnhinweis. Diese Kolumne befasst sich mit Glaubensfragen. Diesbezüglich empfindsame Personen sollten nicht weiterlesen. Wobei zunächst geklärt werden sollte, was Fragen des Glaubens eigentlich sind. Glauben bedeute, nicht zu wissen, sagte man früher. Aber was heißt schon „wissen“ in einer Zeit, in der es für jede Ansicht wissenschaftliche Belege gibt, für die Wahrscheinlichkeit wie Unwahrscheinlichkeit einer Klimakatastrophe etwa. Und in der Gewusstes keineswegs das Handeln beeinflussen muss.

All die Leute, die am Sonnabend wieder bei Primark an der Kasse standen, wissen natürlich, dass fünf Euro für ein Kleidungsstück kein fairer Preis sein kann. Und kaufen trotzdem, obwohl sie, wenn sie wirklich nicht mehr bezahlen könnten, auch bei Humana fündig würden. Was also bedeutet „wissen“? Ist das ein Wissender, der da im Supermarkt Hamsterkäufe tätigt für den Fall, dass er wegen eines Coronafalls in seiner Stadt lieber nicht mehr so oft nach draußen geht, und auch reichlich Zigaretten aufs Band legt, die Seite mit der Todeswarnung nach oben?

Tatsächlich ist das Wissen so unendlich und so flüchtig geworden wie die Informationen, aus denen es besteht. Wenn es jedoch kein verbindliches Wissen gibt, dann gibt es auch keinen verbindliches Nichtwissen – woraus aber nicht folgt, dass es auch keinen Glauben mehr gäbe. Wie der Einzelne die Informationsflut organisiert, die ihn durch seinen Alltag treibt, wovon er sich beunruhigen

lässt, was er durchwinkt und wonach er regelrecht sucht, das spiegelt seine Persönlichkeit, seine Hoffnungen, seine Befürchtungen: seinen Glauben.

Zwar werden keine Scheiterhaufen mehr entzündet, wenn es neue Masernfälle gibt, sondern es wird eine Impfpflicht eingeführt. Aber nur, weil diese wirtschaftlich niemandem schadet, sondern im Gegenteil sehr nutzt. Wenn es aber um Umweltschutzmaßnahmen geht, die einen Gewinn mindern würden, ertönt aus dem Mund der Lobby das Gebet der Hoffnung. Die Wahrheit liegt immer im ersehnten Ergebnis, wobei bisher noch jede Sehnsucht mit persönlicher Sicherheit zu tun hatte und die Geschichte lehrt, dass jedes Mehr an Sicherheit für einen Einzelnen ein Weniger an Sicherheit für viele bedeutet. Bei Pferden ist das anders. Denen ist Herdenschutz in der Not das Wichtigste. Der Mensch aber gefährdet seine Art täglich auch ganz ohne Not.

Höre ich da den Zuruf „Montagspredigt!“? Das ist ein gutes Stichwort, denn selten wurde die Vergeblichkeit des menschlichen Tuns besser gefasst als im Bild von dem Kamel, das eher durch ein Nadelöhr passt als … Sie wissen schon. Das Neue Testament ist voll mit Hinweisen darauf, dass gegen die Angst nicht Hass, sondern Vertrauen hilft, dass sich Dinge vermehren, wenn man sie teilt und dass man das, was man sich wünscht, anderen zukommen lassen soll, statt Angst zu haben, dass sie es wegnehmen.

Es wäre das perfekte „andere System“, in dem Probleme, die im herrschenden entstanden sind, vielleicht zu lösen wären. Will sagen: Wenn heute die Nachbarin klingelt und Sie um eine Tasse Öl bittet – geben Sie sie ihr ruhig, auch wenn dann die von der Bundesregierung empfohlene Vorratssmenge von 357 g Öl pro Person für zehn Tage kurzfristig unterschritten wird in Ihrem Schrank. Niemand weiß, ob es am Ende für alle reichen wird. Aber das ist gut. Denn so kann man daran glauben.

Petra Kohse ist Autorin.

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