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Würde man die Religionsfreiheit in die Diskussion einbringen, würde sich die gesellschaftspolitische Debatte ändern.
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Würde man die Religionsfreiheit in die Diskussion einbringen, würde sich die gesellschaftspolitische Debatte ändern.

Religion

Das vertrackte I-Wort

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Gehört der Islam zu Deutschland? Ersetzte man das I-Wort durch Religionsfreiheit, würde der Bezug zum Grundgesetz die Debatte dramatisch ändern. Die Kolumne.

In einer Radiosendung des RBB hatte kürzlich der Moderator und Kabarettist Serdar Somuncu den Schauspieler Peter Lohmeyer zu Gast. Man redete über dies und das, Schauspiel und Politik. Ob der Islam zu Deutschland gehöre, wollte Somuncu wissen, und Lohmeyer sagte ohne zu zögern: Ja. Dann aber schien er es dabei nicht bewenden lassen zu wollen und fügte ergänzend hinzu, auch das Judentum gehöre zu Deutschland. Und der Atheismus.

Mit seinem Nachsatz deutete Lohmeyer ein grundsätzliches Bekenntnis zur Religionsfreiheit an, aber der Dialog machte zugleich deutlich, warum es ein Satz wie: „Die Religionsfreiheit gehört zu Deutschland“ bislang nicht ernsthaft in die gesellschaftspolitische Debatte geschafft hat. Mit dem Aufsagen von Verfassungsgrundsätzen macht man im politischen Streit einfach keine Punkte. 

Beim Behaupten und Bestreiten ist klare Kante verlangt, auch wenn etwas intelligentere Sprecher wissen, dass man sich mit einfachen Aussagesätzen über „den Islam“ sehr leicht verheddern kann. So war denn auch die zweifellos gute gemeinte Formulierung des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff über die Stellung des Islam in Deutschland, die seither in ihrer Wiederholung oder ihrer Negation für Zündstoff sorgt, eine politische Torheit. 

Sie war es gewiss nicht in ihrer neutralen Wahrnehmung einer religiösen Praxis, sondern in deren paternalistischer Verortung. Christian Wulff schien einer nicht näher bezeichneten Religionsgemeinschaft von höchster Amtswarte aus eine Art Aufenthaltsgenehmigung erteilt zu haben, zu der sich im Nachhinein viele aufgerufen fühlten, genau diese zu bestreiten. Indem der kaum ernannte Innenminister Horst Seehofer den Satz Wulffs demonstrativ widerrief, hielt er also eine Frage in der Diskursarena, die verfassungsrechtlich eindeutig beantwortet ist.

In beiden Fällen zeugen die Sätze von einem falsch verstandenen Amtsverständnis. Denn natürlich gehört es weder zu den Kompetenzen eines Bundespräsidenten, welchen Körperschaften auch immer, nationale Zugehörigkeit zu erteilen noch vermag ein Innenminister diese ohne weiteres zu entziehen. 

Als sie ihre Sätze sagten, sprachen sie denn auch nicht von ihren amtsgebundenen Möglichkeiten. Wulff und Seehofer waren vielmehr bemüht, so oder so identitätsstiftend zu wirken. Und sie konnten wohl auch der Verführung nicht widerstehen, eine gemeinschaftsbildende Parole auszurufen. Der eine setzte dabei auf Inklusion, der andere auf Ausschluss.

Die Bestrebung, sich von anderen zu unterscheiden

Aber während der Mensch im Verlauf seines Lebens die Erfahrung machen kann, dass die Bemühungen, mit sich ins Reine zu kommen, womöglich nie ganz zum Abschluss gelangen, wird im politischen Raum hartnäckig die Illusion am Leben erhalten, es gebe so etwas wie eine gesicherte gemeinschaftliche oder nationale Identität. 

Dabei ist nichts vertrackter als das I-Wort. Der Einzelne mag in seltenen Momenten des Glücks mit sich eins sein. Manchmal, zum Beispiel nach einem erfolgreich abgeschlossenen Fußballspiel, gelingt das vielleicht sogar der Gemeinschaft, die dem Spiel gerade beigewohnt hat.

Die meiste Zeit aber besteht die Suche nach Identität doch gerade aus den Bestrebungen, sich von den anderen zu unterscheiden. Und wenn man meint, den gewünschten Zustand erreicht zu haben, geht es bald darauf schon wieder von vorn los. Aber ja doch: Das vor allem gehört zu Deutschland.

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