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Das Feuer in der Kathedrale Notre-Dame ist inzwischen vollständig gelöscht. Die Behörden gehen von einem Unfall als Ursache aus.

Nach dem Feuer in Notre-Dame

Frankreich - eine verstörte Nation

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Der Schock der Brandnacht von Notre-Dame trifft eine Gesellschaft, die ohnehin schwer angeschlagen ist. Frankreich müsste nicht nur eine Kirche neu errichten. Der Leitartikel.

Die Diagnose lautet auf Herzstillstand. Denn hier in der Pariser Kathedrale schlug es doch, das Herz der Nation. Und meist schlug es besonders schnell.

Fast immer, wenn die Gefühlswelt der Franzosen in Wallung geriet, war Notre-Dame Schauplatz des aufwühlenden Geschehens. Hier sprach ein Kirchentribunal die auf dem Scheiterhaufen verbrannte Jungfrau von Orléans nachträglich von Schuld frei. Hier erklang das Te Deum für den Sonnenkönig Ludwig XIV., brüskierte Napoleon den Papst und setzte sich selbst die Kaiserkrone auf.

Auf dem Vorplatz der Kathedrale nahm die Befreiung von den deutschen Nazis ihren Anfang, im Innern intonierte der Organist nach erfolgreichem Abschluss die Marseillaise. Gezeichnet von blutigen Terroranschlägen suchte die Nation im November 2015 in Notre-Dame neuen Frieden. Und mit jedem historischen Ereignis drang tiefer ins kollektive Bewusstsein: Hier wird Geschichte geschrieben, hier entscheidet sich unser Schicksal.

Notre-Dame: Das Herz Frankreichs steht still

Wer sich davon an Ort und Stelle überzeugen wollte, glaubte das gar leibhaftig zu verspüren. Kaum war er ins Halbdunkel des immensen Kirchenschiffs getreten, lief dem Besucher auch schon ein ehrfürchtiger Schauder über den Rücken.

Aber all das ist nun für lange Zeit vorbei. Wo seit dem Mittelalter Freud und Leid der Franzosen kulminierten, ragt nur noch eine Brandruine empor. Notre-Dame ist in Flammen aufgegangen. Das Herz der Nation steht still. Frankreich steht unter Schock. Der Rest der Welt ist kaum minder fassungslos.

Geschichten und Legenden haben dem Monument globalen Ruhm beschert. Victor Hugos Roman „Der Glöckner von Notre Dame“ ging in gut einem Dutzend Filmen und Musicals um den Erdball. Fünfzehn Millionen Touristen drängten im vergangenen Jahr in die Kathedrale.

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So mancher Besucher blickte zum von Kronleuchtern und Kerzen spärlich erhellten Kirchenhimmel hinauf, hielt Ausschau nach der Gestalt des buckligen Glöckners, den Anthony Quinn in der Verfilmung Jean Delannoys so vortrefflich verkörpert. Wenn ein Monument das Prädikat „Kulturerbe der Menschheit“ verdient, dann dieses.

Die Diagnose Herzstillstand ist umso beunruhigender, als die französische Nation gesundheitlich schwer angeschlagen ist. Der Zusammenhalt der Gesellschaft bröckelt. Volksparteien, Gewerkschaften und Kirchen haben ihre verbindende Kraft eingebüßt. Staatschef Emmanuel Macron, der sich einst als Jupiter am politischen Firmament verortete, hat sie als störend empfunden und erfolgreich an den Rand gedrängt.

Frankreich braucht Verbindendes - Notre-Dame gehörte dazu

Auch staatliche Institutionen vermögen die Nation nicht zusammenzuhalten. Geballtes Misstrauen schlägt ihnen entgegen. Nicht nur die Gelbwesten wollen von ihnen nichts mehr wissen. Und der Zerfall hat Folgen. Verunsicherung ruft er hervor.

Verstört scharen sich ihrer Identität nicht mehr sichere Franzosen um Feindbilder. Besonders Juden, Muslime und Immigranten sehen sich wachsenden Ressentiments ausgesetzt. Aber auch Präsident Macron ist Zielscheibe des Hasses. Auf von Gewalt überschatteten Samstagsdemonstrationen erschallte der Ruf nach der Guillotine.

Verbindendes ist in solchen Zeiten doppelt kostbar. Notre-Dame gehörte dazu. Die Kathedrale war nicht nur Katholiken heilig, sondern allen Franzosen.

„Wir werden sie zusammen wiederaufbauen“, hat Macron angekündigt. Was für eine kühne Prophezeiung!

Großzügige Spendenzusagen für den Wiederaufbau von Notre-Dame

Nicht was den erhofften kollektiven finanziellen Kraftakt betrifft. Dass Notre-Dame eines Tages wieder in neuem Glanz erstrahlen wird, steht außer Frage. Die Spendenzusagen könnten großzügiger kaum sein. Was in Reims und Rouen gelang, wo im Krieg zerstörte Kathedralen wunderbar restauriert wurden, wird auch in Paris gelingen.

Aber Macrons Worte weisen über Finanzielles und Bautechnisches hinaus. Aus ihnen spricht die aberwitzige Hoffnung, dass dieser Schock ein heilsamer sein möge, dass die Nation wieder mehr zusammenrückt, sich auf gemeinsame Ziele besinnt, das große Ganze wieder stärker in den Blick rückt.

Unvorstellbar erschien dies eben noch. Aber dass die Pariser Kathedrale ein Raub der Flammen werden würde, war ja eben noch genauso unvorstellbar.

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