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Kommen die Züge unpünktlich, damit wir Zeit zum Innehalten haben?

Deutsche Bahn

Verschwörung im Sinne der Langsamkeit

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Sorgen die Bahn und andere Firmen mit ihren Pannen nicht einfach nur fürs Innehalten, weil sie uns Zeit schenken? Die Kolumne.

Eigentlich hätte man da ja schon viel früher drauf kommen können. Aber wer hat in unserer schnelllebigen Zeit noch Zeit zum Nachdenken? Ich. Doch beginnen wir ganz von vorne, bei unserer Kanzlerin. Sie mahnt uns schließlich in jeder Neujahrsansprache zum „Innehalten“. Lange dachte man, das sei verpuffende Rhetorik – das Gegenteil ist der Fall. Unsere Gesellschaft ist auf dem Weg zur Einkehr, zur Besinnung, zum gemeinsamen Innehalten. Gerade jetzt vor Weihnachten wird dies immer deutlicher.

Die Big Players machen es vor. Zum Beispiel die Deutsche Bahn. Katapultierte sie uns einst minutengenau von Termin zu Termin, hetzte sie uns atemlos quer durch die Republik, schenkt sie uns heute eines der kostbarsten Güter überhaupt: Zeit. Warten ist doch die höchste Form des Innehaltens. Man muss das nur zu erkennen wissen – und zu nutzen.

Auch die so vermaledeite Autoindustrie erweist sich bei genauerem Hinsehen als humanitäre Hilfsorganisation. Bescherte man uns jahrzehntelang immer schnittigere Schlitten, hat man uns nun in einem langsamen, kaum wahrnehmbaren, aber konsequenten Prozess mit klobigen Vehikeln versorgt, mit denen einst nur Förster, Bergretter und Vogelkundler behäbig durch Wald, Wiesen und Auen rumpelten.

Inhumanes Speedschenken und unüberlegte Spontankäufe

Sie haben das so geschickt gemacht, dass uns kaum eine Wahl des Aufmuckens blieb. So bringen wir heute mit den rollenden Schrankwänden sogar unsere Kleinen zur Schule.

Damit nicht genug. Sogar vermeintlich nach dem schnellen Geld trachtende Weltunternehmen wie DHL haben sich der Barmherzigkeit verschrieben. Legte doch der Vorgänger Deutsche Bundespost emsig und pünktlich zur Bescherung die Geschenkpakete unter unsere Christbäume, nötigt man uns nun zum Verzicht auf den raschen Konsum, auf inhumanes Speedschenken und unüberlegte Spontankäufe.

Diese Leistung ist umso beachtlicher, betrachtet man die Art und Weise, wie DHL diese Meisterleistung geschafft hat. Beschäftigte doch die Bundespost meist ältere Beamte in schlecht sitzenden Anzügen, einer Spezies Personal, der man Behäbigkeit, Trotteligkeit und einen Hang zum Schlafwandeln nachsagte, bedient sich der weltumspannende Dienstleister DHL einer Heerschar junger Springinsfelde in flotten Kurzhosen, bequemen Shirts und flotten Sneakers, denen man alles zutraut, vor allem Raketengeschwindigkeit.

Mittel gegen Burn-out

Doch das ist alles Tarnung. In Wahrheit sind sie unterwegs im Sinne des Innehaltens und verzögern die Zustellung, wo und wie es auch immer geht. Was nicht flutscht, tut uns gut. Das muss man erst mal erkennen – und sich dann daran erquicken.

Es ist eine Verschwörung im Sinne des Wahren, Guten und Langsamen. Vor diesem Hintergrund erscheinen uns plötzlich auch der Bau des Berliner Flughafens, der Brexit, der Diesel-Skandal oder die Betrügereien der Deutschen Bank vor einem ganz neuen Licht. Und was macht uns das Fast Food? Dick, behäbig, langsam – also immerzu innehaltend.

Der alte Marx, so könnte man meinen, der hat da mal mächtig danebengehauen. Dieses System ist alles andere als menschenverachtend, es hilft uns nämlich aus dem Hamsterrädchen, ist das perfekte Gegenmittel gegen Burn-out. Oder hat Marx vielleicht sogar das gemeint, als er sagte, der Kapitalismus werde sich einmal selbst abschaffen?

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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