Die institutionalisierte Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen soll systematisch, strukturell und nachhaltig entwickelt werden.
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Die institutionalisierte Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen soll systematisch, strukturell und nachhaltig entwickelt werden.

Gastbeitrag

Vernetzte Hochschulen: Ein Baustein für Europa

  • vonErnst Dieter Rossmann
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  • Kai Gehring
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In der EU wachsen die Netzwerke von Hochschulen. Das ist gut so, aber nicht billig zu haben. Der Gastbeitrag.

Was hält uns Menschen in 27 EU-Staaten zusammen? Wer positive Antworten auf diese Frage sucht, muss sich aufmachen und die Vielfalt Europas kennenlernen. Ein neues Projekt für europäischen Gemeinsinn können die europäischen Universitäten sein.

Diese Idee von Emmanuel Macron aus seiner berühmten Sorbonne-Rede vom 26.9.2017 muss zwar noch zeigen, ob sie langfristig das gleiche Gewicht entwickeln kann wie das Erasmus-Programm, das seit rund 30 Jahren Europäerinnen und Europäer verbindet. Aber aus der zentralistischen Idee, einzelne Universitäten zu unterstützen, ist inzwischen ein besser zu Europa passendes Modell eines Netzwerks geworden.

Immerhin 17 europäische Hochschulnetzwerke unter Beteiligung von 114 Hochschulen aus 24 EU-Mitgliedstaaten gibt es bereits und im Juli 2020 sollen noch einmal bis zu 24 weitere Hochschulallianzen hinzukommen. Es ist vor allen Dingen ein Bottom-up-Ansatz der Selbstbestimmung, Kreativität, Vielfalt und Regionalität.

Die institutionalisierte Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen soll systematisch, strukturell und nachhaltig entwickelt werden. Es soll ein europäischer Campus mit gemeinsamen Curricula entstehen und europäische und interdisziplinäre Wissenschaftsteams sollen gemeinsam gesellschaftliche Herausforderungen angehen.

Die Kommission erwartet von diesen europäischen Hochschulen zu Recht, dass sie institutionell stärker zusammenwachsen bis hin zur gemeinsamen Vergabe von Abschlüssen und einer abgestimmten Einstellung von Professor*innen. Damit sind sie als zentrale Bausteine der gemeinsamen europäischen Bildungsstrategie zu verstehen, die auch starke Verbindungen zu Forschung, Innovation und Wissenstransfer sowie zur Gesellschaft insgesamt aufweisen müssen.

Nicht zuletzt sollen die europäischen Hochschulen Antreiber von Wissenschaftsfreiheit sein. Sie sollen zeigen, welche Erfolge, welche Innovationen und welche Erkenntnisfortschritte möglich sind, wenn Menschen in Freiheit und im Zusammenspiel mit der Gesellschaft nach den besten Lösungen für die Zukunft der Menschheit suchen.

Das Erasmus Konzept der europäischen Identität aus Mobilität und Begegnung wird mit den europäischen Hochschulen um die institutionelle Dimension erweitert. Europas innere Kräfte sollen gestärkt werden, denn die Identifikation der nachwachsenden Generationen mit Europa ist hierfür unverzichtbar. Oder wie es der frühere französische EU-Kommissionspräsident Jacques Delors ausdrückte: Niemand verliebt sich in eine Währung und Sicherheit und Wohlstand alleine schaffen keine europäische Identität und kein Gefühl von Gemeinsamkeit und Verantwortung.

Mit Stolz verweist die Programmorganisation darauf, dass nicht nur klassische Universitäten, sondern auch andere Hochschulformen Teil dieser Netzwerke sind. Trotzdem fällt die Dominanz von Universitäten auf, während Kunsthochschulen und insbesondere Hochschulen für angewandte Wissenschaften eher die Ausnahme sind.

Das muss anders werden, allein aufgrund der Anerkennung der Gleichwertigkeit der verschiedenen Hochschultypen, aber auch wegen der kreativen Reibung, die in Netzwerken aus Diversität entstehen kann. Eine Schlüsselrolle im europäischen Bildungsraum der Zukunft kommt auch dem Lehreraustausch sowie der Lehreraus- und -weiterbildung zu, bis hin zum Leitbild des Europa-Lehrers.

In den Hochschulnetzwerken soll sich außerdem das ganze Europa abbilden, weshalb die Vorgabe, dass mindestens eine osteuropäische und eine südeuropäische Hochschule Teil eines europäischen Hochschulnetzwerkes sein müssen, sehr ernst genommen und noch ausgebaut werden sollte. Und: Gehören in diese Netzwerke nicht auch zwingend konkrete Partnerschaften zu außereuropäischen Hochschulen aus Entwicklungs- und Schwellenländern? Europa darf sich nicht selbst genügen, wo doch Weltoffenheit und gemeinsame Verantwortung zu seiner Identität gehören.

Damit das möglich ist, müssen nicht nur Idee und Konzept, sondern auch die finanzielle Unterstützung nachhaltig sein. „Im Durchschnitt rund 250 000 Euro pro beteiligter Hochschule und Jahr in der dreijährigen Startphase sind sicherlich mehr Anerkennung von Idealismus als Beitrag zu einer soliden Struktur. Hier muss zwingend nachgelegt werden.

Mit den Beratungen zum europäischen Finanzrahmen haben die europäischen Institutionen und die Mitgliedsstaaten die große Chance, aus der bewegenden Idee von Macron einen tragenden Baustein für das Europa von morgen zu machen. Sie müssen es tun.

Dr. Ernst Dieter Rossmann (SPD) ist Vorsitzender des Ausschusses für Bildung im Bundestag.

Kai Gehring ist Sprecher der Grünen-Fraktion für Forschung, Wissenschaft und Hochschule.

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