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Stehen Politiker bald nur noch vor ihren eigenen Kameras, statt vor den Kameras der Journalisten?

Kommentar

Warum guter Journalismus sein muss

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Wer die Fehler des Journalismus beheben will, indem er ihn abschafft statt ihn besser zu machen, erweist der lebendigen Öffentlichkeit einen Bärendienst. Der Kommentar.

Wer braucht heute noch Journalismus? Wenn ein Journalist diese Frage beantwortet, wird er sicher nicht sagen: niemand! Deshalb gleich vorneweg: Es geht nicht um eine pauschale Verteidigung des Journalismus, wie er ist. Denn dazu, dass heute allenthalben infrage gestellt wird, haben die Medien selbst ihren Teil beigetragen.

Der Vorwurf, „die Journalisten“ seien willige Interessenvertreter der verhassten politischen Elite, ist zwar in dieser Maßlosigkeit falsch. Um das zu erkennen, genügt ein Blick in Länder, deren Medien tatsächlich von der Macht gelenkt sind. Dennoch: Seiner Aufgabe, das politische Geschehen aus kritischer Distanz zu betrachten, wird der Journalismus tatsächlich nicht immer gerecht.

Wer aber glaubt, man könne deshalb gleich ganz auf ihn verzichten, liegt daneben. Zu denen, die es dennoch glauben, gehören offenbar Politikerinnen und Politiker, die ihr öffentliches Bild mit Hilfe der sozialen Medien ganz allein zu bestimmen versuchen – möglichst ohne eine kritische, distanzierte, die Polit-PR durch Recherche überprüfende Vermittlungsinstanz. Wer den Medien vorwirft, zu nah an der Macht zu sein, sollte es den Mächtigen erst recht nicht allein überlassen, wie ihr öffentliches Bild aussieht.

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Noch einmal: Es stimmt, dass der Journalismus den Anspruch, Politik durch kritische Nachfragen mit den Problemen und Interessen der Gesellschaft zu konfrontieren, nicht immer einlöst. Aber ist es besser, wenn Parteien sich in ihren so genannten Newsrooms gleich selbst befragen? Wer recherchiert – ausgestattet mit Zeit und Geld, die es dafür braucht – die Aussagen dieser Politiker nach?

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Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat es offen gesagt: „Wir haben die Nachrichten selbst produziert“, bejubelte sie den Ausschluss der Presse beim „Werkstattgespräch“ der Partei im Frühjahr, „in diese Richtung wird es weitergehen.“

Manche mögen sagen, es genüge doch, wenn sie alles im Original bekämen, ihre Meinung könnten sie sich selber bilden. Aber wie soll das gehen, wenn nicht einmal mehr die Chance besteht, dass eine Journalistin, ein Journalist nachfragt und nachrecherchiert? Und sagen uns nicht alle Erfahrungen mit den Filterblasen der sozialen Netzwerke, dass dann viele nur noch die Botschaften zur Kenntnis nehmen würden, die ihnen passen?

Wer die Fehler des politischen Journalismus beheben will, indem er ihn abschafft, statt ihn zu verbessern, erweist der lebendigen Öffentlichkeit einen Bärendienst –und damit der Demokratie. Das sollten gerade Politiker eigentlich wissen.

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