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Merkel ist weg. Was macht die AfD nun?

Angela Merkel

Die AfD verliert ihr Feindbild

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Merkels Rückzug entzieht der AfD weiteren Nährboden. Die Kanzlerin war negativer Fixpunkt der Rechten. Sie werden sie noch vermissen.

Am Anfang und am Ende steht ein Wort. Alternativlos sei es, die Schulden von Banken in der Finanzkrise den Steuerzahlern aufzubürden; alternativlos, milliardenschwere Kredite an das überschuldete Griechenland auszuzahlen; alternativlos, Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen, um sie vor Bürgerkrieg, Hunger und Verfolgung zu schützen. Kein Wort hat die Ära Angela Merkels stärker geprägt. Es wird bleiben – auch nach ihrem Rückzug.

Merkel hat den Begriff immer dann benutzt, wenn sie in einer Krise den von ihr eingeschlagenen Weg durchsetzen und als einzig möglichen verteidigen wollte. Sie verwendete ihn nicht, um ihre Politik zu erklären. Doch genau das entpuppte sich als Fehler. Es rief diejenigen auf den Plan, die nach Erklärungen verlangten, die den Weg der Kanzlerin nicht unwidersprochen hinnehmen wollten, die nach Alternativen suchten.

Merkel hat die CDU nach links geschoben

Die Gründung der Alternative für Deutschland (AfD) war eine Reaktion auf die fünfsilbige Sprachlosigkeit, die das Wort „alternativlos“ zum kategorischen Imperativ von Politik erhob. Erst später wurde aus der AfD jenes rechtspopulistische „Monster“, das Ex-Parteivize Olaf Henkel am liebsten wieder eingefangen hätte. Doch da war der Geist längst aus der Flasche.

In Scharen kappten ehemals treue Wähler ihre Nabelschnur zur CDU und liefen zur AfD über. Sie fremdelten mit ihrer alten Partei. Merkel hatte die CDU zur Mitte hin geöffnet und die rechte Flanke aufgegeben. Unter ihr wurden die Wehrpflicht ausgesetzt, der Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen und die Ehe für alle verabschiedet. Unter ihr zeigte Deutschland ein menschliches Antlitz, als es seine Grenzen nicht für Flüchtlinge abriegelte, die andernorts mit Füßen getreten wurden.

Merkel wird zur Projektionsfläche von Hass und Wut der AfD

Das verschaffte Merkel Respekt bis tief hinein ins Mitte-Links-Lager. Die im Kern konservative Stammklientel der CDU verschreckte es jedoch. Die Partei verlor einen ihrer Grundpfeiler. Islamistischer Terror auf deutschem Boden wurde fortan mit dem Namen der Kanzlerin verknüpft, die nach Ansicht ihrer Kritiker allzu fahrlässig Fremde ungeprüft ins Land gelassen hatte. Merkel wurde zum Lieblingsfeind der AfD, zur Projektionsfläche von Hass und Wut, zur lebensnotwendigen Gegnerin einer Partei, die gerade wegen dieser kultivierten Feindschaft seit Sonntag in allen wichtigen deutschen Parlamenten sitzt.

Nun jedoch, da die Kanzlerin erklärt, sie wolle nicht wieder für den Parteivorsitz kandidieren, mischen sich in die hämische Genugtuung der AfD-Spitze auch nachdenkliche Stimmen. Die Rechtspopulisten wissen, dass ihr steiler Aufstieg zuallererst auf dem gemeinsamen Unwillen über die Politik der Kanzlerin gründet. Der Slogan „Merkel muss weg!“ verkommt ohne die CDU-Chefin zur leeren Phrase. Die AfD verliert ihren Fixpunkt.

Bei vielen in der CDU keimt die Hoffnung auf, ehemalige Wähler von der AfD zurückgewinnen zu können. CDU-Mann Philipp Amthor, dessen Deutschlandfahne am Revers Ausdruck einer streng konservativen Haltung ist, erklärt, er sei fest davon überzeugt, dass Merkels Abgang dabei helfen werde, enttäuschte Ehemalige zurück in den Schoß der CDU zu führen. „Der neue CDU-Bundesvorsitzende muss ein klares Profil und Haltung zeigen und die Fähigkeit besitzen, enttäuschte Wähler zurückzugewinnen“, sagt Amthor.

Jens Spahn, Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz

Leicht wird das nicht – unmöglich aber auch nicht. Mit Jens Spahn, Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz gibt es drei völlig unterschiedliche Kandidaten. Sie alle eint die Fähigkeit, Positionen klar zu beziehen und dafür öffentlich zu streiten – ein zentraler Unterschied zur Kanzlerin. Merkel hat mit ihrem Rückzug der CDU wieder Leben eingehaucht – inhaltlich wie personell. Sie und ihre Politik erscheinen auf einmal alles andere als alternativlos.

Schon die Wahlen in Bayern und Hessen haben gezeigt, dass die AfD ihren Zenit überschritten hat. Die erwarteten 20 Prozent und mehr sind ausgeblieben. Die Umfragewerte stagnieren seit Monaten.

Merkels Rückzug von der Alternativlosigkeit entzieht der AfD weiteren Nährboden. Knapp ein Jahr vor den wichtigen ostdeutschen Landtagswahlen in Brandenburg, Thüringen und Sachsen hat Merkel ihrer Partei und Deutschland damit einen letzten großen Dienst erwiesen.

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