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Auch in Mali gab es Proteste gegen die Karikaturen von "Charlie Hebdo".
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Auch in Mali gab es Proteste gegen die Karikaturen von "Charlie Hebdo".

Krieg im Namen der Religion

Verletzte Gefühle

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Die Verletzung religiöser Gefühle fungiert als Brandbeschleuniger bei der Radikalisierung junger Muslime. Dabei geht es kaum um die individuelle Kränkung, sondern um absoluten Hass. Ein Leitartikel.

Für einen tief gläubigen Menschen stellt das Prinzip der religiösen Toleranz keine verlässliche Lebensgrundlage dar, sondern ist bereits Teil eines Problems. Die Frage, wie und für was einer betet, wird dann möglicherweise nicht nur als reges Interesse gedeutet. Wer einem Nichtgläubigen seine Religion erklären soll, muss zumindest zu der Abstraktion bereit sein, dass sein Glaube für jemand anderen keine Rolle spielt. Religiöse Toleranz basiert nicht auf religiösem Verständnis, sondern auf aufgeklärter Gleichgültigkeit. Wenn Angehörige verschiedener Religionen miteinander ins Gespräch kommen, müssen sie davon ausgehen, dass der eigene Glaube dem anderen fremd ist. Toleranz und Misstrauen schließen einander nicht aus.

Es ist ein sehr modernes Prinzip, das nicht zuletzt auch zur wirtschaftlichen Dynamik in der globalisierten Welt beigetragen hat. Wir können miteinander Handel treiben, ohne umständlich Glaubensfragen auszutauschen. Die hehren und äußerst praktischen Prinzipien wechselseitiger Anerkennung von Religionen und Glaubensrichtungen scheinen jedoch immer häufiger außer Kraft gesetzt zu werden.

Von einer gesellschaftlichen Spaltung, die entlang religiöser und kultureller Zugehörigkeiten und Empfindlichkeiten verläuft, ist nicht erst seit dem verheerenden Anschlag auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ die Rede. Ob die Gewalt islamistischer Terroristen unmittelbar aus dem Islam hervorgehe, ist inzwischen eine häufig gestellte Frage, und Muslime antworten darauf häufig gereizt mit Hinweisen auf die häufige Erfahrung gesellschaftlicher Ablehnung.

Die sorgsam eingespielten Routinen und verlässlichen Verabredungen stehen wieder zur Disposition, und wir werden einmal mehr gewahr, dass religiöse Toleranz eine Kulturleistung ist, die im Verlauf der Geschichte zwar allen Religionen zugute gekommen, aber keineswegs dauerhaft gesichert ist. Religiöser Hass scheint nicht länger nur ein punktuell auftretendes Gewaltphänomen zu sein. Es wird mehr oder weniger offen ausagiert, und wie das Beispiel des Berliner Werbedesigners Shahak Shapira zeigt, kann niemand mehr sicher sein, davon verschont zu werden. Shapira wurde in der Neujahrsnacht Opfer körperlicher Gewalt, nachdem er junge arabischsprachige Männer mit seinem Mobiltelefon gefilmt hatte, wie sie antisemitische Gesänge anstimmten.

Eine größere öffentliche Aufmerksamkeit erlangte der Vorfall aber erst, als Shapira in einem Interview darum bat, seinen Fall nicht für anti-muslimische Zwecke zu missbrauchen. Besser als andere scheint Shapira begriffen zu haben, dass religiöser Hass immer auch das Produkt ideologischer Aufladung ist.

Shapiras Haltung ist deshalb so bemerkenswert, weil er sich nicht zum Gefangenen seiner verletzten Gefühle hat machen lassen. Das klingt gerade in seinem Fall leichter gesagt als getan. Sein Großvater war ein Opfer des Holocaust, und ein weiteres Familienmitglied starb 1972 bei dem Überfall auf die israelische Olympiamannschaft in München. Wer, wenn nicht einer wie er, liefe beim Absingen antisemitischer Lieder Gefahr, die Contenance zu verlieren? Gerade die braucht es aber wohl, um den immer deutlicher hervortretenden interreligiösen Spannungen ihre Wucht zu nehmen.

Todbringende Energie

Die Verletzung religiöser Gefühle ist nicht länger nur eine vorübergehende individuelle Kränkung. Immer häufiger scheint sie die Funktion eines Brandbeschleunigers bei der Radikalisierung junger Muslime zu haben. Dabei geht es wohl nur sehr bedingt um die erlittene Erfahrung einer Herabsetzung des Glaubens. Was die islamistischen Kämpfer in den heiligen Krieg ziehen lässt, dürfte sehr viel stärker vom rauschhaften Erleben des kriegerischen Tuns getrieben sein als von den Versprechungen eines wie auch immer gearteten Seelenheils.

Und doch haben gerade die vielfältigen Reaktionen auf das Wiedererscheinen der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ gezeigt, dass man seinen Gefühlen nicht willfährig ausgeliefert sein muss. Zwar lösten die Mohammed-Karikaturen einmal mehr

großen Zorn in der muslimischen Welt

aus. Aber mehr als je zuvor war auch die Vielstimmigkeit der Muslime in aller Welt zu vernehmen. Das ist, bei aller Tragik, das Erbe von und die Verpflichtung gegenüber Charlie Hebdo.

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