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Die Selbstlüge innerhalb der katholischen Kirche ist Teil des Problems.

Katholische Kirche

Verkrampfte Sexualmoral begünstigt Missbrauch

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Die Katholiken müssen endlich die Ursachen des Missbrauchsskandal beseitigen. Und die Kirche sollte den Menschen nicht vorschreiben, wo es langgeht, sondern an ihrer Seite stehen. Der Leitartikel.

Weiter so! Das hat die katholische Kirche seit Jahrhunderten eingeübt. Um nichts verändern zu müssen, pocht sie auf die „Treue zur Tradition“ oder – noch steiler – auf den „Gehorsam gegenüber dem göttlichen Gesetz“. Kirchenreformer geraten so notorisch in den Ruch destruktiver Störenfriede. 

Eigentlich war Papst Franziskus 2013 angetreten, diesen bequemen Habitus des Beharrens aufzubrechen. Die Hoffnungen, die sich auf sein Pontifikat richteten, ließen erkennen, dass viele Menschen die Kirche und ihre Botschaft noch nicht ganz abgeschrieben haben. Doch die franziskanische Reform von oben ist steckengeblieben. Der Selbsterhaltungstrieb eines kirchlichen Machtapparats – nicht nur in Rom – ist stärker als die Erkenntnis, dass solcher Systemerhalt geradewegs in den Ruin führt. 

 Jeder 20. Priester ein Täter?

Der Missbrauchsskandal ist dafür der beste und zugleich verstörendste Beleg. Inzwischen sollten selbst die größten Ignoranten und Problemverweigerer wissen, dass sexueller Missbrauch durch Priester dort den besten Nährboden findet, wo die Macht der Kirche und der Standesdünkel des Klerus besonders groß sind. 

Wer wollte, hätte das zum Beispiel aus Irland lernen können. Doch das ist nicht geschehen. Als 2002 die Enthüllungen des „Boston Globe“ die US-Kirche erschütterten, taten nationale Bischofskonferenzen weltweit so, als machten die Verbrechen von Geistlichen an Kindern und Jugendlichen just vor ihrer Grenze halt. „Missbrauch? Flächendeckend? Jeder 20. Priester ein Täter? Bei den dekadenten Amis vielleicht, aber doch nicht bei uns.“

In Polen wird Problem verdrängt

Dieses Muster ist bis heute das gleiche. In Ländern wie Spanien oder Italien und ganzen Regionen Afrikas oder Südostasiens sind die Bischöfe noch immer phlegmatisch-desinteressiert. Auch im katholischen Polen galt Missbrauch als das Problem der anderen. Ein Enthüllungsfilm in den Kinos des Landes hat jetzt genügt, dass einer Clique autoritärer, selbstherrlicher Bischöfe der Laden um die Ohren zu fliegen droht.

In Deutschland wiederum versprachen die Bischöfe nach der Skandalwelle des Jahres 2010 konsequente Aufklärung der Vergangenheit, Aufarbeitung der Ursachen und einen Perspektivwechsel vom Institutionen- und Täterschutz hin zur Sorge um die Opfer. Acht Jahre später moniert die im September veröffentlichte große Missbrauchsstudie hier immer noch eklatante Defizite und Widerstände. 

Zölibat, Sexualmoral und Homosexualität

Zwar beklagen heute sogar Bischöfe einen verderblichen „Klerikalismus“ in der Kirche. Aber das war es dann auch schon. Schritte zu einem Mentalitätswandel, Ansätze für echte Strukturreformen? Bislang Fehlanzeige. Manche Reaktion aus den Bistümern klingt im Gegenteil verdächtig nach bekannten Abwehrreflexen. 

Einige der in der Studie benannten „Themenfelder“ wie Zölibat, Sexualmoral und Homosexualität „scheinen jetzt von manchen auf der Empörungswelle benutzt zu werden, um ihre Interessen voranzubringen“, hat der neue Kölner Generalvikar Markus Hofmann gesagt, die rechte Hand von Kardinal Rainer Woelki. Und ein führender Vertreter des Bistums Regensburg nennt die Studie intern „Lug und Trug“. 

Dieses Urteil zielt natürlich weniger auf Zahlen, Daten und Fakten. Vielmehr wollen die widerständigen Kräfte nicht hören und noch weniger beherzigen, dass die auf einen Männerklerus zentrierte Verfassung der katholischen Kirche, ihre verkrampfte Sexualmoral und das Festhalten an Lebenslügen wie dem Priesterzölibat systemische Faktoren sind, die sexuellen Missbrauch begünstigen.

Gegen das Abwiegeln hilft nur konstanter öffentlicher Druck: durch die Medien, durch Opferverbände, durch die staatliche Justiz. Viel zu lange hat die Kirche sich eingebildet, sie stehe als „Kontrastgesellschaft“ über der säkularen Welt mit dem Anspruch, diese zu bevormunden. Jetzt zeigt sich, wie sehr sie selbst des Korrektivs bedarf. 

Aus einer überheblichen Kirche könnte so eine bescheidenere werden, aus einer weltfremden eine lebensnahe, aus einer besserwisserischen eine lernende – eine Kirche, die den Menschen nicht ständig vorschreiben will, wo es langgeht, sondern an ihrer Seite steht und sie begleitet. Vielleicht wäre das dann eine Kirche, die den Menschen zusagt. Weil sie etwas zu sagen hat. 

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