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„Letzte Generation“: Hilfeschrei der Jugend

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Von: Michael Hesse

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Aktivistinnen und Aktivisten der Gruppe „Letzte Generation“ warnen am Brandenburger Tor in Berlin vor den Folgen des Klimawandels.
Aktivistinnen und Aktivisten der Gruppe „Letzte Generation“ warnen am Brandenburger Tor in Berlin vor den Folgen des Klimawandels. © Paul Zinken/dpa

Die Aktionen der Letzten Generation provozieren die Unbelehrbaren im Kampf um diese Welt. Ein Plädoyer für den gewaltlosen Widerstand - der Leitartikel.

Die Zukunftsaussichten sind düster. Gerade deshalb gibt es einen unerwarteten Rollentausch. Stand der Leichtsinn in früheren Zeiten für die Generation einer energievollen Jugend und trugen die Älteren den Ernst des Lebens gravitätisch vor sich her, so haben sich nun die Vorzeichen auf dramatische Weise geändert.

Das unüberlegte Handeln, das die Älteren in früheren Zeiten allzu gerne der Jugend vorhielten, ist nun zu ihrem eigenen Markenkern geworden. Den Zeigefinger erheben die Jüngeren, es mit den Freiheiten nicht zu übertreiben. Der Grund hierfür? Der Klimawandel.

Die Veränderungen auf unserem Planeten werden nach Ansicht der Wissenschaftler so dramatisch sein, dass die Lebensgrundlage künftiger Generationen zerstört werden könnte. Diese Prognose wird von einer halbwegs positiven Nachricht begleitet: Es liegt am Menschen selbst, diese Entwicklung aufzuhalten, die hauptsächlich er verursacht hat.

Letzte Generation: Über die Zulässigkeit und Grenzen des Protests wird heftig gestritten

Doch wie bringt man Menschen, die nicht oder nur wenig motiviert sind, etwas gegen den Klimawandel zu tun, zum Handeln? Diese Frage ist das Grundproblem der heutigen Jugend. Und dafür sucht sie, sei es als Klimaaktivist:innen oder als Fridays-for-Future-Demonstrierende, Antworten. Es geht ganz konkret um ihr künftiges Leben.

Über die Zulässigkeit und Grenzen des Protests der jungen Generation wird heftig gestritten. Hier drohen die Älteren den Klimaaktivist:innen, es nicht zu übertreiben. Sie wissen, dass sie die Mehrheit sind und das Sagen haben. Die Jugend, die 15- bis 24-Jährigen, macht gerade einmal zehn Prozent der deutschen Gesellschaft aus, ihr Einfluss ist marginal.

Sie spürt das allenthalben, an der Ausstattung der Schulen, an der Art der Klimadebatte, an dem Diskurs über die Vulnerablen, zu denen grundsätzlich zwar alle zählten, die besonders durch das Corona-Virus gefährdet waren, im allgemeinen Bewusstsein waren damit – vor allem zu Beginn der Pandemie – aber besonders die Älteren in Pflegeheimen oder anderswo gemeint.

Umso verständlicher ist es, dass diese jungen Menschen die Freiheiten der Mehrheitsgesellschaft angreifen. Natürlich weiß man nicht nur aus der Soziologie, wie divers auch eine Mehrheit ist. Klar ist auch, dass es viele Menschen gibt, die älter als die Aktivist:innen sind und sich seit Jahrzehnten für die Bewahrung der Natur einsetzen.

Doch es sind aus der Sicht der jungen Klimaaktivist:innen ja die Mehrheiten, und damit die Alten, die sich in Bezug auf den Klimawandel moralisch falsch verhalten: Sie tun, gemessen an dem politischen Output, zu wenig und sitzen auf ihren Privilegien.

Blickt man auf die politischen Handelnden, die sich ja auf eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler stützen, müssen Klimaaktivist:innen den Eindruck zwangsläufig gewinnen, dass die alternde Gesellschaft sich unbelehrbar zeigt in Bezug auf die notwendigen Handlungen, um eine Aufheizung dieser Welt zu stoppen. Der an die Mehrheit der Gesellschaft adressierte kategorische Imperativ der Jugend könnte dabei kaum klarer sein: Ihr müsst euer Leben ändern, damit wir überleben können.

Die Mehrheitsgesellschaft regt sich aber lieber darüber auf, dass 18-Jährige sich an den Bilderrahmen von Goya festkleben, Kartoffelbrei auf ein hinter einer Glasscheibe geschütztes Monet-Werk geschmissen wird oder gleiches mit Tomatensuppe bei van Gogh unternommen wird. Schon fällt der Begriff des Terrorismus oder sogar der des Faschismus, erwartungsgemäß aus der Ecke der FDP, der Unionsparteien, speziell von jenen Verkehrsministern wie Alexander Dobrindt, die ja vieles selbst in der Hand hielten, um etwas für das Klima zu tun. Dieses Establishment will sich von der Jugend nichts gefallen lassen. Man stellt eine fast schon kollektive Wut auf die Klimaktivist:innen fest. Über die schlappe Klimapolitik von Kanzler Olaf Scholz regen sich nur wenige auf.

Grenzenlose Freiheit wirkt für die Heutigen wie eine tödliche Gefahr für ihre Zukunft

Die Moral der Jugend, ihr Aktionismus, ihre Taten lassen sich als Selbstverteidigung gegenüber einer aus ihrer Sicht unbelehrbaren Mehrheitsgesellschaft verstehen. Der 2002 verstorbene US-amerikanische Philosoph John Rawls hätte bei ihnen eine ausreichende Grundlage dafür gesehen, zivilen Ungehorsam zu leisten.

Um nichts anderes gehe es, wenn Minderheiten die Mehrheiten für Verletzungen von Gerechtigkeitsfragen aufmerksam machen wollten. „Wenn irgendein Mittel zu diesem Zweck gerechtfertigt ist, dann sicher der gewaltlose Widerstand“, schreibt Rawls in „Eine Theorie der Gerechtigkeit“. Anders als früher richtet sich der Protest nicht gegen ein „Schweinesystem“, sondern gegen die bürgerliche Gesellschaft.

Die Freiheit endet dort, wo sie die Freiheit anderer verletzt. Die jungen Menschen müssen heute ausgerechnet den Alten diese Grenze aufzeigen. Aber auch sie selbst können nicht anders, als sich massiv einzuschränken, wenn sie die Hoffnung auf ein gutes Leben nicht aufgeben wollen. Grenzenlose Freiheit, die frühere junge Generationen für sich einforderten, wirkt für die Heutigen wie eine tödliche Gefahr für ihre Zukunft. Was für eine verkehrte Welt. (Michael Hesse)

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