Verkehr

Gegen die dreisten Parker in der zweiten Reihe 

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Das Parken in zweiter Reihe ist längst zum Selbstbeweis der urbanen Durchsetzungsfähigkeit geworden. Bei Paketzustellern jedoch ist es komplizierter.

In der Politik hängt bekanntlich alles mit allem zusammen – und vieles ist nicht mehr auseinanderzubekommen. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat kürzlich ein Gesetzesvorhaben angekündigt, wonach für das Parken in zweiter Reihe höhere Geldbußen verhängt werden sollen. Das dürfte sich positiv auf den Verkehrsfluss in den Innenstädten auswirken, und es reduziert, wenn auch in homöopathischen Dosen, den CO2-Ausstoß. Schonend für die Nerven ist es allemal.

Das Parken in zweiter Reihe ist längst zum Selbstbeweis der urbanen Durchsetzungsfähigkeit geworden. „Ich halte, wo ich will – also bin ich.“ Es ist zu einer Form gewöhnlicher Rücksichtslosigkeit geworden, die potenziell jeder Autofahrer, zumindest für den Moment, meint für sich beanspruchen zu dürfen.

Wahrscheinlich hat es sehr viel damit zu tun, dass Selbstbehauptungen in der Arbeitswelt und im Alltag immer weniger gelingen. Anstelle der Chefs, die sagen, was man zu tun oder zu lassen hat, werden wir von Geräten traktiert, die uns zu Registrierungen und schlimmeren Untergebenheitsbeweisen auffordern. Die viel gescholtenen SUVs, die inzwischen vollkommen unironisch als Panzer bezeichnet werden, scheinen allerdings für den, der drinnen sitzt, ein unverzichtbarer Schutzraum zu sein.

Eine ganz andere Schutzidee verfolgt unterdessen Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Er möchte einer großen Teilmenge der Spezies der Zweite-Reihe-Parker Gutes tun. Heil setzt sich ausdrücklich für eine höhere Bezahlung und bessere soziale Absicherung von Paketzustellern ein. Genau die aber sind es ja, die sich allzu oft gezwungen sehen, ihr Fahrzeug schnell mal abzustellen, um ihre Ware loszuwerden.

Hubertus Heil denkt also an soziale Stabilisierungsmaßnahmen ausgerechnet für jene, die als Verkehrsteilnehmer überwiegend als asoziale Elemente wahrgenommen werden. Wenn die Wut im Verkehr nachlässt, wächst das Verständnis auch für sie. Zeit für die Parkplatzsuche haben sie nicht, und die aus dem nicht vorschriftsgemäßen Fahrverhalten angehäuften Bußgelder werden vom Arbeitgeber nicht beglichen. Sie befinden sich nicht nur in der zweiten Reihe, sondern auch in einer sozialpolitischen Zwickmühle.

Für Heils Klientel stellt Scheuers Plan eine schwere Belastung dar, die nicht zuletzt weit in unseren konsumistischen Alltag hineinreicht. Der viele Flüche und Schimpfkanonaden auf sich vereinende motorisierte Bote ist Opfer eines zunehmenden Verteilungskampfes innerhalb des urbanen Raums.

Ein unverhoffter Vorschlag zur Entspannung kam bereits vor einiger Zeit aus der Modebranche. Die bald 80-jährige Modedesignerin Vivian Westwood, bislang vor allem als extrovertierter Punk der Szene wahrgenommen, möchte unter dem Motto „Buy less, choose well & make it last“ unser Konsumverhalten beeinflussen. Weniger kaufen, dafür aber gut – und die Sachen besser pflegen. In anderen Lebensbereichen nennt man solche Überlegungen Nachhaltigkeit.

Kaum auszudenken, was ihr Vorschlag für die Versandindustrie und den Lieferverkehr zu bedeuten vermögen. Vivian Westwood selbst bewältigt die kurzen Wege übrigens am liebsten mit dem Fahrrad.

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