Leitartikel zum Zensus

Verjährtes Misstrauen

Vor 30 Jahren ist ein Teil des Volks gegen seine Zählung auf die Straße gegangen. Heute veröffentlichen viele Menschen sorglos private Daten im Internet. Der Zensus erregt nicht mehr.

Von Astrid Hölscher

Gelb-rot-schwarz prangen die Plakate an Bushaltestellen und Litfasssäulen: Studenten im Hörsaal, Autos auf dem Werksgelände, nicht völlig monochrom, sondern in kleinen Farbvarianten. Sie künden von der Güte des Staats, der weitsichtig nur planen kann, wenn er über ordentliche Informationen verfügt. Für die Volkszählung werben sie, nicht die erste, immerhin aber eine Bürgerpflicht, auf dass diese freudig erfüllt werde in der Hoffnung auf Studien- und Kindergartenplätze, eine Welt ohne Staus und Wohnungsnot.

Das Geld für diese Straßenaktion hätte sich der Staat, also wir alle, glatt sparen können. Es ist Volkszählung, Stichtag 9. Mai 2011, und wenn sich überhaupt jemand aufregt, dann höchstens einige Kommunalpolitiker über ihren Kostenanteil. Die Interviewer, die an den Wohnungstüren läuten, werden nicht als Heimsuchung betrachtet, sondern schlimmstenfalls als lästige Gäste am Feierabend. Die wird dann schnell wieder los, wer den Fragebogen in eigener Regie ausfüllt und Versand gelobt.

War da was? Ach ja, dieses uralte Misstrauen gegen eine wissbegierige Obrigkeit, lange verjährt und fast vergessen. Volkszählung – das Stichwort rangierte vor dreißig Jahren ungefähr auf einer Stufe mit Atomkraft, Startbahn-West und Pershing-Raketen. Ein bunter Reigen von Anarchos über aufstrebende Grüne bis zu Anwältinnen mit FDP-Parteibuch vollbrachten ein Werk, aus dem heutige Wutbürger lernen können. Die damaligen Gegner staatlicher Sammelwut schafften es nicht nur, die ursprünglich für 1983 geplante Volkszählung um vier Jahre zu verschieben, ihr Boykott nährte später noch Zweifel an deren Wert, weil 1987 mindestens 600.000 Fragebögen im Altpapier landeten, in der Szene auch als „alternative Sammelstellen“ bekannt.

Den größten Triumph aber erfuhren die Skeptiker in Karlsruhe. Das Urteil, das ihrer Verfassungsbeschwerde im Dezember 1983 folgte, sollte das Fundament für den Datenschutz in dieser Republik legen. Seine Prinzipien, die dem Einzelnen die Hoheit über die eigene Privatsphäre sichern sollten, wirken fort und werden vom Bundesverfassungsgericht zuverlässig weiterentwickelt. Die Richter schufen nicht nur das Sprachungetüm von der „informationellen Selbstbestimmung“, sondern nahmen fürderhin ihren Auftrag als Hüter der bürgerlichen Freiheiten, Abteilung Daten, außerordentlich ernst. Noch jeder Bundesregierung, die in Zeiten des Terrors zu größeren oder kleineren Lauschangriffen startete, wurden in Karlsruhe Stoppschilder entgegengehalten.

Wo immer heute Sorgfalt herrscht im staatlichen Umgang mit persönlichen Daten, verdanken wir es auch den Gegnern jener Volkszählung in den 1980er Jahren. Was diese skeptische Minderheit damals weder vorhersehen noch verhindern konnte, ist indes die ausufernde Freigiebigkeit, mit der eine Mehrheit im Land ihre Daten ausstreut. Was nützt alles Klagen über die USA, die sich im freiheitverschlingenden Anti-Terror-Kampf von Europa die Flugpassagierdaten verschaffen, wenn zugleich Reisende bereitwillig für ein paar Miles&More-Punkte ihre Routen offenbaren. Warum sollen Bürger dem Staat Auskünfte verweigern, die sie Payback, Amazon oder StudiVZ längst geliefert haben.

Eine Volkszählung ist kein papiernes Werk, sondern eine eminent politische Veranstaltung. Die Sprengkraft, die hinter Daten steckt, zeigt sich beispielsweise an dem Mädchenmangel in Indien und China, der aus verfehlter Bevölkerungspolitik resultiert. Weil er unliebsame Aufschlüsse über seine Bevölkerungsstrukturen fürchtet, scheut mancher multiethnische Staat in Afrika oder auf dem Balkan den Zensus. Die Mitarbeit an einer nationalen Statistik kann sogar zur Widerstandshandlung mutieren – im krassen Kontrast zum alten deutschen Boykott. Die Palästinenser etwa feierten 1997 ihre erste selbstverantwortete und von Israel zumindest für Jerusalem untersagte Volksbefragung als Befreiung, als „Informations-Intifada“.

So viel Begeisterung wird unser Zensus 2011 nicht entfachen, muss er auch wirklich nicht. Solange aber die Gesellschaft darauf achtet, was in den Fragebögen steht, und ungebührlicher staatlicher Neugier wehrt, ist gegen die Statistik nichts einzuwenden. Ob die Befragung die halbe Milliarde Euro wert ist, die sie kosten dürfte, werden die Zahlen allein allerdings nicht verraten. Dazu müssten die verlässlichen Planungsdaten in jene gute Politik münden, von denen die Plakate in den Nationalfarben schon mal hoffnungsfroh künden.

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