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Protestaktion gegen Früh- und Zwangsehen der Organisation Terre des Femmes vor dem Brandenburger Tor aus dem Jahr 2015.
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Protestaktion gegen Früh- und Zwangsehen der Organisation Terre des Femmes vor dem Brandenburger Tor aus dem Jahr 2015.

Frauenrechte

Verhindert Zwangsehen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Wer Frauen daran hindert, selbstständig über ihr Leben zu entscheiden, der will, dass seine Gesellschaft nicht aus der Armut herauskommt.

Das Oberlandesgericht Brandenburg entschied am vergangenen Dienstag, dass eine fünfzehnjährige junge Frau eine intime Beziehung zu einem dreißig Jahre älteren Mann haben darf. Also geht es auch umgekehrt. Über das Urteil wird hierzulande viel gestritten. Man darf dabei nicht übersehen: Es ist ein Urteil über einen Einzelfall. Das Gericht hat sich die junge Frau, hat sich den angeheirateten Onkel und die Beziehung der beiden genau angesehen und ist zu dem Urteil gekommen: In diesem Falle würde es dem Kindeswohl schaden, wenn man ihm diese Liebe verböte.

Ein paar Tage vor dem Urteil des Landesgerichts Brandenburg hatte die internationale Hilfsorganisation „Save the Children“ eine Studie veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass weltweit alle sieben Sekunden ein Mädchen verheiratet wird, das noch keine 15 Jahre alt ist. In den meisten Fällen handelt es sich nicht um Kinderehen, also Eheschlüsse unter Gleichaltrigen. Der Studie zufolge geht es meist darum, dass minderjährige Mädchen – gegen ihren Willen – mit viel älteren Männern verheiratet werden. In der im Internet nachzulesenden Studie sieht man die siebzehnjährige Tamrea aus Äthiopien mit ihrer fünfjährigen Tochter. Sie erklärt: „Ich konnte mich nicht daran gewöhnen, was Ehe war“. Eine fortwährende Vergewaltigung.

Die Studie zeigt auch den Zusammenhang, der zwischen Armut, Krieg, Seuchen und früher Verheiratung besteht, und sie macht deutlich, dass Mädchen, die früh verheiratet werden, kaum eine Chance auf Ausbildung und Beruf haben. Sie werden sexuell und als Arbeitskraft missbraucht. 26 Prozent aller Zwangsarbeiter auf der Welt sind Kinder. Deutlich mehr als die Hälfte davon sind Mädchen. Weltweit besuchen 62 Millionen Mädchen keine Schule.

2,6 Milliarden Mädchen und Frauen leben in Staaten, in denen es den Straftatbestand der Vergewaltigung in der Ehe nicht gibt. In der Bundesrepublik gibt es den einschlägigen Paragrafen 177 erst seit 1997. Gegen ihn stimmten damals etwa die Abgeordneten Norbert Blüm, Norbert Geis, Burkhard Hirsch, Volker Kauder, Karl-Josef Laumann, Peter Ramsauer, Horst Seehofer, Erika Steinbach, Theodor Waigel, Dagmar Wöhrl.

Nach Suizid – dieses erschreckende Faktum wird viel zu wenig beachtet – ist weltweit die häufigste Todesursache für jugendliche Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren der Tod während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder der Abtreibung. Der bloße Vergleich von Ländern, so erschreckend er ist, ist nicht die ganze Wahrheit. In Nigeria beispielsweise sind es nur drei Prozent der reichsten Mädchen, die, noch keine fünfzehn Jahre alt, Mutter werden. Bei den Ärmsten aber sind es sage und schreibe 40 Prozent. In den nächsten Jahrzehnten werden weltweit, so sagt die Studie, immer mehr Mädchen unter 15 Mütter werden.

In der Bundesrepublik kommen auf 1000 Geburten neun Mütter zwischen 15 und 19. In Schweden und Dänemark sind es sechs, in den Niederlanden 5 und in der Schweiz 4. In Großbritannien sind es 25 und in den USA 39.

Diese Zahlen bestimmen das Leben von Mädchen und Frauen. Dieser Wirklichkeit müssen wir uns zuwenden. Sie muss verändert werden. Die Studie sagt: „Die Kinderehe bedroht die Zukunft von Millionen Menschen. Sie muss abgeschafft werden.“ Nicht nur um der Mädchen und Frauen willen. Versklavte Frauen sind nicht nur ein Produkt der Armut. Sie produzieren sie auch.

Alle Untersuchungen, die sich mit den Möglichkeiten wirtschaftlichen Wachstums beschäftigen, belegen aber eines sehr deutlich: Ohne Frauen gibt es keinen Ausweg aus dem Niedergang. Gut ausgebildete, selbstständige Frauen helfen ihren Gesellschaften am besten aus dem Elend. Sie sind die treibende Kraft beim notwendigen Kampf gegen die Armut. Ohne sie ist niemandem zu helfen. Wer Frauen daran hindert, selbstständig über ihr Leben zu entscheiden, der will, dass seine Gesellschaft nicht aus der Armut herauskommt. „Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun“, ist die falsche Parole – wenn nur Männer sie singen. Sie brauchen die Frauen dazu. Höchste Zeit, dass das verstanden wird.

Am 2. Januar 2014 antwortete der damalige Kardinal Joachim Meisner auf die Frage „Wie alt war Maria bei Jesu Geburt?“: „Wir wissen, dass Mädchen im orientalischen Kulturkreis schon früh verheiratet wurden (und oft auch heute noch werden), so dass ein Hochzeitsalter von etwa 14 Jahren als durchaus realistisch erscheint. Aber wie gesagt: Über Marias Alter bei der Geburt Jesu ist uns nichts Verbindliches gesagt.“ Es gibt europäische mittelalterliche Legenden, die die Gottesgebärerin noch ein paar Jahre jünger machen. Fest steht allerdings, Gott hat sich in der christlichen Überlieferung nicht den Körper einer erwachsenen, selbstständigen Frau genommen, um Mensch zu werden.

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