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Seit Wochen protestieren Tausende in Santiago de Chile für Sozialreformen.

Lateinamerika

Verhindert der Protest den Klimaschutz?

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Viele lateinamerikanische Staaten haben sich zu Schritten gegen den Klimawandel bekannt. Um diese Ziele umzusetzen, benötigen sie unsere Hilfe.

In mehreren Ländern Lateinamerikas und der Karibik geht die Bevölkerung zu Protesten auf die Straße – die Regierungen sehen sich mit Forderungen konfrontiert, das Bildungswesen und den öffentlichen Dienst umgehend zu verbessern, Löhne zu erhöhen und gegen gesellschaftliche Ungleichheit vorzugehen.

Bedeutet das nun, dass Herausforderungen wie der Klimawandel den Protestierenden und ihren Anführern nicht mehr wichtig sind? Ganz im Gegenteil. Öffentliche Meinungsumfragen ergeben regelmäßig, dass die Menschen in dieser Region die Auswirkungen des Klimawandels mit größerer Besorgnis betrachten als anderswo.

Im vergangenen Jahr zeigte die Umfrage Americas Barometer, dass acht von zehn Erwachsenen in Mexiko und Mittelamerika sowie rund sieben von zehn Erwachsenen in Südamerika und der Karibik den Klimawandel als Gefahr für ihre Länder betrachten. Dies ist darauf zurückzuführen, dass viele Menschen in dieser Region bereits unter dramatischen Klimaereignissen zu leiden haben, darunter extreme Hochwasser, nie dagewesene Dürren und immer häufiger verheerende Hurrikans – wie Hurrikan Dorian, der im August gewaltige Schäden auf den Bahamas anrichtete.

Die Regierungen in der Region haben sich neben den sozialen Problemen in erster Linie zu ehrgeizigen Zielen zur Senkung der CO2-Emissionen verpflichtet. Im Februar kündigte Costa Rica als erstes lateinamerikanisches Land an, bis 2050 eine klimaneutrale Volkswirtschaft zu verwirklichen. Im Juni gab Chile ähnliche Pläne bekannt. Und im September kündigten weitere 21 Länder Lateinamerikas und der Karibik an, dass sie sich darum bemühten, bis 2050 klimaneutral zu werden.

Um diese Verpflichtungen zu erfüllen und andere Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen, benötigen diese Länder Hilfe. Die dortigen Regierungen müssen Schätzungen zufolge bis 2030 rund 77 Milliarden US-Dollar in nachhaltige Infrastruktur investieren. Ein Großteil davon muss von Anlegern aus der Privatwirtschaft erbracht werden.

Zur Schließung dieser Finanzierungslücke sind Billionen von Dollar an privatwirtschaftlichen Mitteln verfügbar. Allein die weltweiten Pensionskassen verfügen über ein Volumen von über 40 Billionen Dollar. Zudem befinden sich die Zinssätze auf einem historisch niedrigen Niveau oder sind in den hochentwickelten Volkswirtschaften sogar negativ. Anleger sind daher zunehmend auf neue Möglichkeiten angewiesen, um ihre eigenen Ziele in Bezug auf Umwelt, Soziales und Unternehmensführung zu erreichen.

Warum fließt dann nicht mehr privates Kapital in Klimainfrastrukturprojekte in dieser Region? Dies liegt hauptsächlich daran, dass Anleger nur zögerlich bereit sind, die Risiken komplexer Projekte einzugehen. Als Antwort auf diese Bedenken sollten Regierungen den Anlegern Rechtssicherheit, transparente und vorhersehbare Regulierung sowie diverse Garantien bieten.

Zahlreiche Regierungen in Lateinamerika und der Karibik reagieren auf diese Anforderungen mit entsprechenden Reformen und setzen dabei auf die Hilfe öffentlicher Entwicklungsbanken – etwa der IDB, der französischen Entwicklungsagentur AFD und der deutschen KfW.

Die IDB unterstützt lateinamerikanische Zentralbanken in Zusammenarbeit mit der KfW bei der Förderung klimafreundlicher Anlageverordnungen. Unlängst haben die Banken die Green Bond Transparency Platform ins Leben gerufen. Auf dieser Plattform erhalten Anleger die notwendigen Informationen zur Bestätigung, dass diese Finanzinstrumente mit ESG-Zielen in Einklang stehen und kein „Greenwashing“ betrieben wird. Laut der Climate-Bonds-Initiative wurden in lateinamerikanischen und karibischen Länder in diesem Jahr Grüne Anleihen mit einem Volumen von fast fünf Milliarden Dollar ausgegeben. Damit wurde dort ein Rekordvolumen von insgesamt 13,6 Milliarden Dollar erzielt. Langfristige Anleger können also künftig mit einem attraktiven Umfeld rechnen.

Es besteht ein enormes Potenzial, dass sich Grüne Anleihen zu einer weit verbreiteten Anlageoption entwickeln und damit zur Dekarbonisierung lateinamerikanischer Volkswirtschaften beitragen. Denn sie ermöglichen Investitionen in erneuerbare Energien, umweltfreundliche Gebäude oder öffentlichen Nahverkehr.

Laut einer Schätzung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) könnten durch die Umstellung auf eine kohlenstofffreie Wirtschaft bis 2030 rund 24 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen. Ohne Zweifel: Wenn wir die globale Erwärmung drosseln können, wird es uns wesentlich besser ergehen – wir haben gar keine andere Wahl. Die Menschen in Lateinamerika und der Karibik verlangen dies von uns. Der Kampf gegen den Klimawandel ist somit letztendlich auch ein zutiefst soziales Thema.

Luis Alberto Moreno   ist Präsident der interamerikanischen Entwicklungsbank IDB,  Rémy Rioux   Vorstandsvorsitzender der französischen Entwicklungsbank AFD,  Joachim Nagel   Vorstandsmitglied bei der KfW.

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