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Flugzeuge bleiben am Boden. In Städten sind dafür Bus- und Bahnfahrten kostenlos. Energieverbrauch und klimaschädliche Emissionen sinken.

Gastbeitrag

Vergesst den Klimaschutz nicht!

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Die Corona-Krise sollte uns ein Weckruf sein. Wir benötigen einen sozial-ökologischen Wandel. Der Gastbeitrag.

In diesen Tagen erfahren wir, wie wichtig es ist füreinander einzustehen. Die Corona-Krise stellt uns alle auf die Probe. Als Gemeinschaft, die trotz räumlicher Trennung zusammenrückt, müssen wir enorme Herausforderungen meistern. In diesen Tagen, in denen das gesellschaftliche Miteinander trotz oder gerade wegen nie gekannter Einschränkungen eine noch umfassendere Dimension bekommt, wiegen Solidarität und Gemeinsinn umso mehr. Wir erfahren, wie verwundbar der Mensch und die Gesellschaft tatsächlich sind. Wir erfahren zugleich, wie wichtig Gemeinschaft ist.

In Treppenhäusern hängen Zettel, auf denen Hausbewohner älteren Nachbarn Boten- und Einkaufsgänge anbieten. Familien verbringen mehr Zeit miteinander. Reisen müssen storniert werden, Flugzeuge bleiben am Boden. In Städten sind dafür Bus- und Bahnfahrten kostenlos. Energieverbrauch und klimaschädliche Emissionen sinken. Die Luftverschmutzung ist viel niedriger als früher. In China haben manche Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben Sterne gesehen.

Das ist die eine Seite der Krise, die andere ist eine menschliche Tragödie: Täglich gibt es mehr Infektionen und Tote. In der besonders betroffenen italienischen Region Lombardei mangelt es an Beatmungsgeräten. Ärztinnen und Ärzte müssen über Leben und Tod entscheiden. Alte und Kranke werden isoliert. Das Virus trennt die Menschen.

Olaf Bandt.

Die Corona-Krise ist existenziell, auch für viele Gesunde. Läden und Restaurants müssen schließen, Menschen in Produktion und Gastgewerbe werden in Kurzarbeit geschickt, andere werden arbeitslos. Während in der Finanzkrise die Banken als systemrelevant galten, sind es jetzt die Kranken- und Altenpfleger, Ärztinnen, Bauern, Supermarkt-Kassiererinnen und Busfahrer, die als zentrale Säulen der Gesellschaft gelten. Fast alles Personengruppen mit einem sehr niedrigen Einkommen. Von ihnen und ihrer Bereitschaft, sich für die Gesellschaft einzusetzen, sind wir jetzt alle abhängig.

Eine Erkenntnis aus der Krise lässt sich schon jetzt ziehen: Ein „Weiter so“ kann es nicht geben. Es muss ein gesamtgesellschaftliches Umdenken geben. Die Schwachen brauchen unsere Unterstützung, die pflegenden Berufe auch die finanzielle Anerkennung, die ihnen gebührt. Mensch, Natur und Umwelt brauchen Schutz. Der Appell an die Solidarität und an ein neues gesellschaftliches Miteinander sind der Kern dessen, was die Forderung nach einem sozial-ökologischen Wandel ausmacht.

Die Corona-Krise sollte uns ein Weckruf sein. Auch im Umgang mit anderen Krisen, welche die Menschheit bedrohen. Die heutige Situation wird nichts daran ändern, dass auch die Klimakatastrophe, das Artensterben und der verantwortungslose Umgang mit Natur und Umwelt eine ebenso große Bedrohung für uns darstellen. Durch die Corona-Krise dürfen diese existenzbedrohenden Entwicklungen nicht aus dem Blick geraten.

Es wird ein „Nach der Krise“ geben. Die Regierung muss die Konjunkturprogramme nutzen, um unsere Gesellschaft ökologischer und sozial gerechter zu gestalten. Zentrale Projekte des Umwelt- und Naturschutzes dürfen nicht unter die Räder kommen.

Nur zwei Beispiele: Gerade die vergangenen Wochen haben gezeigt, dass ein Lieferkettengesetz unabdingbar ist. Angesichts der globalen Verbreitung eines Virus ein solches Gesetz mit dem Verweis auf eine mögliche Wirtschaftskrise verhindern zu wollen, ist kühn. Gleiches gilt für Äußerung des Parlamentarischen Staatsekretärs im Bundeswirtschaftsministerium, Thomas Bareiß, der Abstandsregelungen in der Windkraft und den Solardeckel in Zeiten der Corona-Krise als unwichtig abtut. Wer Corona gegen Klima auszuspielen versucht, handelt grob fahrlässig.

Die geplanten milliardenschweren Konjunkturprogramme müssen gerade auch die resiliente und nachhaltige Ausrichtung der Wirtschaft im Blick haben, statt vor allem den Konsum zu fördern. Die Programme, die angeschoben werden, dazu beitragen, unsere Wirtschaft umzubauen.

Es ist entscheidend, dass sie nach sozialen und ökologischen Kriterien vergeben werden und somit eine krisensichere und zukunftsfähige Wirtschaft schaffen. Wir brauchen eine Aufwertung der Arbeit im Pflege- und Gesundheitsbereich, der Lebensmittelproduktion, von Nachhaltigkeit und Suffizienz. Wir brauchen andere Lieferketten, eine andere Verkehrs – und Energiepolitik.

Die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat vor Beginn der Corona-Krise einen Green Deal vorgestellt. Er sollte sicherstellen, dass Europa als Ganzes seine Wirtschaft so verändert, dass wir bis zur Mitte des Jahrhunderts kaum noch klimaschädliche Emissionen haben. Was wir jetzt brauchen, ist ein ganzheitlicher Green Deal: für Natur, Umwelt und Soziales.

Olaf Band ist Vorsitzender des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland.

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