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Sozialphilosoph Oskar Negt war ein Vordenker des „Sozialistischen Büros“.

Gastbeitrag

Vergangen, aber aktuell

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Das Sozialistische Büro hat Politik nach Interessen, nicht nach Köpfen organisiert. Das kann auch heute zur Orientierung beitragen.

Wer macht uns froh? Das Sozialistische Büro“. Der Slogan der Post-68er-Bewegung, die sich nicht am Kommunismus Moskauer oder Pekinger Prägung orientierte, sondern eine neue Gesellschaft aus der Kritik des Kapitalismus der frühen Bundesrepublik und ihrer Schutzmacht USA entwickeln wollte, kam aus dem Spontaneismus. Nicht Partei- und Gewerkschaftsräson, sondern ein kritischer – auch mal selbstkritischer – Blick auf die Gesellschaft war angesagt in einer Bewegung, deren Devise lautete: „Revolution ohne Emanzipation ist Konterrevolution“.

Was war das für eine Organisation mit dem unmöglichen Namen? Das Sozialistische Büro (kurz SB) entstand aus der Einsicht, sich links der Parteien organisieren zu müssen, um politisch handlungsfähig zu werden: im Ostermarsch, gegen die Wiederbewaffnung der Bundeswehr, gegen Notstandsgesetze und gegen Berufsverbote für Kommunistinnen und Kommunisten.

Büro im Sinne von Politbüro war das SB freilich nie; hier ist die Bedeutung des kürzlich verstorbenen Klaus Vack zu erwähnen, der nimmermüder Zuhörer und Akteur in den Bewegungen und Motor des SB war: ein Mann, der nie viel Aufhebens um sich machte, aber viel und viele bewegt hat.

Das Motto des SB, das die Zeitschriften „links“ als politisches Journal und den „express“ als Betriebs- und Gewerkschaftszeitung herausgab, war im Kern, Ausgebeutete, Unterdrückte und Benachteiligte „nach Interessen und nicht nach Köpfen zu organisieren“.

Über grundlegende Kapitalismuskritik hinaus und ohne ideologische Einengung wurden die politischen Ziele durch Emanzipation und Organisation entlang wirtschaftlicher Interessen verfolgt. Ein Vordenker war der Sozialphilosoph Oskar Negt. Er erhob – auch beeinflusst durch Herbert Marcuse – neben der gesellschaftlichen Analyse die politische Fantasie zur Überwindungen konkreter gesellschaftlicher Widersprüche zur Kategorie und regte so viele zu politischem Engagement an.

In dem gesellschaftlichen Umbruch der Bundesrepublik in den späten 60er und frühen 70er Jahren entwickelte sich das SB von einem durch die Zeitschriften geprägten Orientierungspunkt zu einer Organisation. Dem interessenorientierten Konzept folgend gab es Arbeitsfelder für Schule, Gesundheit, Sozialarbeit und andere. Ein Delegiertenrat mit Vertreterinnen und Vertretern lokaler SB-Initiativen und der Arbeitsfelder sowie ein Arbeitsausschuss traten neben die Redaktionen der beiden Zeitschriften.

Unter den Linksintellektuellen, die in „links“ und „express“ publizierten, waren Eva Senghaas, Andreas Buro, Eberhard Schmidt, Wolf-Dieter Narr, Peter Grohmann, Roland Roth, Dan Diner, Detlev Claussen und Claus Leggewie, um nur einige zu nennen.

Das SB wurde kampagnenfähig. Es veranstaltete 1972 einen Angela-Davis-Kongress zur Solidarität mit den Afroamerikanern in den USA, 1976 einen Kongress gegen politische Repression der Linken und 1978 ein internationales Russell-Tribunal gegen politische Unterdrückung in der BRD. Zum „Großen Ratschlag Soziale Protestbewegungen und sozialistische Politik“ kamen 1980 rund 5000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Michael B. Krawinkel ist SPD-Mitglied, hat für das Sozialistische Büro gearbeitet und war von 1999 bis 2016 Professor für Ernährung in Entwicklungsländern der Uni Gießen.

„Nach Interessen und nicht nach Köpfen organisieren“ bedeutete für das SB die Diversifizierung der politischen Agenda. Im Ansatz, die Politik durch Basisbewegungen zu beeinflussen, lag die Grundlage gesellschaftlichen Erfolgs weit über das SB hinaus. Aber dieser Ansatz begründete auch das Verschwinden des SB.

Die Akteurinnen und Akteure engagierten und engagieren sich im Komitee für Grundrechte, in der Ökobewegung, in der Friedens- und in der Frauenbewegung und in vielen Initiativen in der ganzen Republik. Das SB ging auf in den kleinen und großen gesellschaftlichen Bewegungen, die es mit gegründet und gefördert hatte. Einige gingen auch zu den Grünen, zur SPD und später zur Linken.

Wenn diejenigen, die heute an die Geschichte des SB erinnern, sinnieren, ob die Begriffe undogmatisch oder antiautoritär es richtig bezeichnen, so beschreibt beides politische Aspekte, die von Bedeutung waren und sind. Eine historische Besonderheit des Sozialistischen Büros ist, dass sich niemand dafür schämen muss, sich dort engagiert zu haben.

Weder mit den niedergegangenen Kommunismen noch mit der RAF hatte das SB zu tun. Parteiräson hinter sich zu lassen und Ausgebeutete, Unterdrückte und Benachteiligte „nach Interessen und nicht nach Köpfen zu organisieren“ ist nicht immer und mit voller Konsequenz durchgehalten worden, aber es kann auch heute zur Orientierung zukunftsfähiger Politik links der Mitte beitragen.

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