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Ursula von der Leyen und Frank-Walter Steinmeier mit Soldaten am Schloss Bellevue in Berlin.

Bundeswehr

Die "verfluchte Traditionsfrage"

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Der Traditionserlass muss vor allem eine Frage angemessen beantworten: An welchem Ideal soll sich die Bundeswehr orientieren?

Da ist sie wieder, die „verfluchte Traditionsfrage“. Über ihre Last hat schon Adolf Heusinger lamentiert, der erste Generalinspekteur der Bundeswehr. Inzwischen zählt die Truppe mehr Jahre als die Reichswehr der Weimarer Republik und die Wehrmacht des Dritten Reichs zusammen. Sie hat sich als Garant der äußeren Sicherheit erst der Bundesrepublik, dann des vereinten Deutschland bewährt. Dennoch treiben die Bundeswehr immer und immer wieder die Schatten jener zwölf Jahre um, in denen das Militär einer der aggressivsten Diktaturen der Menschheitsgeschichte zu Diensten war.

Deshalb hat die aktuelle Verteidigungsministerin der Truppe einen systematischen Blick zurück nach vorn befohlen. Wieder einmal. Das Ziel, an dem Ursula von der Leyen gerade arbeiten lässt, sind die dritten „Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege“ in der Geschichte der Bundeswehr.

Von der Leyen attestiert „ein Haltungsproblem“

Anlass gaben eine Reihe von, sagen wir: unappetitlichen Vorkommnissen – vom menschenfeindlichen Umgang mit Soldaten in verschiedenen Varianten, bis zur Examinierung eines Offiziers mit einer rassistischen Magisterarbeit, die zur Entdeckung einer rechtsextremen Zelle mit terroristischen Plänen führte. Ursula von der Leyen mochte sich nicht mit der üblichen Lauter-Einzelfälle-Entschuldigung begnügen. Sie attestierte der Truppe „ein Haltungsproblem“, nebst „Führungsschwäche auf verschiedenen Ebenen“.

Ein Shitstorm aus der informellen Gesellschaft der Freunde der Bundeswehr war ihr sicher. Das darf die doch nicht, den ganzen Laden ... Nein, sie durfte nicht. Sie musste. Ursula von der Leyen hat schon als Frauen- und als Arbeitsministerin die Erfahrung gemacht: Um die groben Klötze der Beharrung zu erschüttern, geschweige denn aufzubrechen, bedarf es außer Geduld zuweilen eines groben Keils. Das ist in der Rüstungspolitik nicht anders als beim traditionellen Familienbild oder der Frauenquote.

It’s a man’s world – wo würde dieser Titel des Soulsängers James Brown mehr gelten als in der (auch nach dem Eindringen einiger Frauen) Machowelt des Militärs. An der demokratischen Zuverlässigkeit der überwältigenden Mehrheit des Offizierskorps besteht heute kein Zweifel.

Minister kommen und gehen

Aber es gibt auch die unterschwellige Haltung: Die Minister kommen und gehen – die deutsche Generalität bleibt bestehen. In der Demokratie haben die Mitarbeiter staatlicher Gewaltapparate wie Polizei und Militär das Grundvertrauen von Politik und Gesellschaft in ihr teils (lebens)gefährliches Tun verdient. Auf dieser Basis brauchen sie eine gehörige Portion Misstrauen. Gewalt neigt zur Entgrenzung. Auch die staatlich legitimierte.

35 Jahre nach dem letzten Traditionserlass, fast 30 Jahre nach der Wiedervereinigung und dem ersten Auslandseinsatz der Landesverteidigungsarmee, im Jahr obendrein, da die Armee ihre neue Teilstreitkraft für den Computerkrieg in Dienst stellt – heute scheint eine neue Debatte über das Berufsethos in der Bundeswehr höchst sinnvoll. Um nichts anderes geht es ja, wenn über militärische Tradition gesprochen wird: Was kann Vorbild sein für das Verhalten deutscher Soldaten im 21. Jahrhundert?

Soldat sein heißt, im Zweifelsfall töten zu müssen, aber eben auch: das eigene Leben einzusetzen. Immer noch. In unserer zum Glück „postheroischen Gesellschaft“, so der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, sind Gelegenheiten rar, derlei Mut zu beweisen – selbst bei den Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Wenn es sie aber gibt, dann oft im Geheimen. Von den Soldaten der Eliteeinheit „Kommando Spezialkräfte“ werden nicht einmal die Namen bekanntgegeben, geschweige denn ihre lebensgefährlichen Aktionen. So entstehen keine Bilder von, jetzt ist das Wort fällig: Helden.

Suchender Blick auf vermeintliche Heldenfabrik

Also fällt der Orientierung suchende Blick auf die vermeintliche Heldenfabrik Zweiter Weltkrieg. Aber ist es eine im Wortsinne vorbildliche soldatische Leistung, wenn ein Pilot möglichst viele Gegner „abschießt“, wie der Kampfflieger Werner Mölders, der schon an den Terroreinsätzen der Luftwaffe im Spanischen Bürgerkrieg teilgenommen hatte? Bis heute gibt es Kritik an der Entscheidung, Bundeswehreinrichtungen mit seinem Namen umzubenennen.

Erst im vorigen Jahr hat die Bundeswehr eine Kaserne nach Anton Schmid benannt. Der Feldwebel ist 1942 hingerichtet worden, weil er mit gefälschten Papieren Hunderte Juden gerettet hat. Auch im Zeitalter weltweiter militärischer Einsätze greift zu kurz, wer vorbildliches soldatisches Verhalten auf die möglichst umstandslose Auftragserfüllung und perfekte Bedienung von Kriegsgerät reduziert.

Für diese Einsicht muss man kein postheroischer Demokrat sein. Der Prinz Friedrich Karl von Preußen beschied im 19. Jahrhundert einen dienstbeflissenen Untergebenen: „Dazu hat sie der König zum Stabsoffizier gemacht, dass sie wissen müssen, wann sie nicht zu gehorchen haben.“ Welch moderne Antwort auf die „verfluchte Traditionsfrage“ des Militärs: Zivilcourage.

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