Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Ein neues Spielzeug mit Nebenwirkungen: Google Glasses.
+
Ein neues Spielzeug mit Nebenwirkungen: Google Glasses.

Kolumne

Im Verbesserungswahn

Innovation ist Teil eines wichtigen Lernprozesses, der uns an die Grenzen des technoiden Denkens führt.

Von Matthias Horx

Haben Sie schon von „Google Glasses“ gehört, der neuesten digitalen Erfindung? Mit dieser Wunderbrille kann man jederzeit alles filmen, was man sieht und in Echtzeit an seine Liebste schicken. Alle Kundenwertungen einer Pizzeria lassen sich sprachgesteuert ins Gesichtsfeld spiegeln, und während des Fahrradfahrens kann man 3-D-Satellitenbilder der Landschaft bewundern, die man durchradelt. Oder man lässt sich in einem medizinischen Notfall von einem Arzt, der Hunderte Kilometer entfernt ist, bei der Lebensrettung assistieren. Natürlich gibt es einen Markt für solche Spielzeuge, aber allmählich begreifen wir, dass es nicht für alles im Leben eine App gibt. Und ein Kontrollgerät für die ganze Umwelt gewisse Nebenwirkungen aufweist.

In Amerika hat gerade ein Buch die Hitliste erklommen, das auf eine sehr kluge Weise die digitalen Über-Mythen entzaubert. In „Click here – and save everything“ setzt sich der Publizist Evgeny Morozov mit dem verbreiteten Glauben auseinander, die digitale Revolution könnte ALLES lösen – von der Demokratiefrage bis zur Ressourcenknappheit, von der Armut bis zu schrecklichen Krankheiten. Morozov analysiert den „Solutionismus“, oder auch Verbesserungswahn: Man sucht nach Problemen, die man unbedingt und mit allen technischen Mitteln lösen muss, und findet Antworten, bevor man überhaupt die richtige Frage gestellt hat. Die Piraten und ihr Schicksal führen uns vor, wie eine ständige „liquid democracy“ aussehen würde. Etwa so meine Wohngemeinschaft im Jahr 1978 auf permanentem Speed. Alle quatschen durcheinander, jeder ist am Rande eines narzisstischen Zusammenbruchs, weil er schon wieder das Gefühl hat, sich nicht ausreichend „einbringen“ zu können.

Träger wirken nicht supercool

Unser Politiksystem ist nicht zufällig historisch so entstanden: In der Delegation politischer Entscheidungen an Repräsentanten moderieren wir Komplexität und entemotionalisieren Debatten. Politik besteht eben auch in Kompromissen, Rationalität, Zurückstecken. Neue Techniken können Politik verbessern, wenn gleichzeitig eine neue „Soziotechnik“ entsteht. Die Alternative ist der ewige Shitstorm, der jede politische Debatte in ein Rechthaber-Verschwörungs-Genöle verwandelt.

Der Internet-Glaube ist so etwas wie eine rosa Realitätsbrille geworden, die uns vorgaukelt, alles ließe sich technisch lösen. Aber wollen wir wirklich unser ganzes Leben aufzeichnen, so dass wir jede Sekunde nachvollziehen können, jede Botschaft, jeden Ort, jeden Kauf- oder Liebesakt? Wollen wir immer wissen, was der andere tut? Ohne Vergessen und Distanz kann das Neue nicht entstehen. Ist wirklich sinnvoll, dass alles, jedes Buch, jeder Laden, jede Person unaufhörlich verlinkt, gerankt, geliked oder dis-liked wird?

Google Glasses wird sicher kein Flop. Die Innovation ist vielmehr Teil eines wichtigen Lernprozesses, der uns an die Grenzen des technoiden Denkens führt. Die Marktentwicklung wird ungefähr so ausgehen wie die des gyroskopischen Elektrorollers Segway. Der sollte vor einem Jahrzehnt „die urbane Mobilität revolutionieren“. Heute sieht man bisweilen Touristen mit diesem Wundergerät durch Großstädte surren. Irgendwie hat das Ding, sorry, den Charakter einer Prothese. Google Glasses hat schon heute diesen Effekt. Wer sie trägt, wirkt eben nicht supercool. Sondern wie ein Nerd.

Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare